2006 - heute

Mit neuen Köpfen ins nächste Jahrtausend

 

Im Frühjahr 2006 verstarb zunächst Werner Brock und nur wenige Wochen nach ihm auch Kapellmeister Hans Bally. Dessen Witwe übergab nach seinem Tod den gesamten Notenbestand der Kapelle Bally in die Obhut von Stefan Alfter. Das Archiv umfasste große Teile des Notenbestandes der Kapelle Christian Reuter. So fanden sich in ihm die Werke von Fritz Hannemann und Hermann Schmidt im Original. Darüber hinaus enthielt es zahlreiche Werke des großen Kölner Arrangeurs und Komponisten Otto Zeh sowie wertvolle handgeschriebene Sätze von teilweise im Krieg verloren geglaubten Werken der großen Kölner Komponisten Reinhold Fellenberg und Heinrich Frantzen. Aufgrund der Tatsache, dass die Kapelle das kulturelle Erbe gleich mehrerer alter Kölner Kapellen verwaltete und fortführte, aber auch in Erinnerung an die alte Kölner Stadt-Hautboisten-Kapelle, führte das Orchester fortan die Bezeichnung "Stadtkapelle Köln".

Der neue Kapellmeister konnte rasch zahlreiche junge Musiker für das Orchester gewinnen. Doch trotz des Generationswechsels sollten Stellenwert und Ansehen der alten Kölner Musikkapellen erhalten bleiben und künftig wieder ausgebaut werden. Die Stadtkapelle spielte nun wieder, ganz in der Tradition ihrer historischen Vorgänger, zu den wichtigen Messen und Prozessionen der Kölner Innenstadtpfarreien, allen voran zu jenen der schwarzen Muttergottes aus der Kupfergasse, Kölns wohl bedeutendster Wallfahrtskirche nach dem Dom. Im Herbst 2006 gab die Kapelle ihr erstes abendfüllendes Konzert unter dem neuen Namen. Noch im selben Jahr erschien die erste CD-Produktion der Stadtkapelle, mit der sie gewissermaßen ihre musikalische Visitenkarte abgab. Am höchsten Feiertag der Kölner, dem Rosenmontag, spielte die Kapelle zunächst für wechselnde Korpsgesellschaften, so für die Nippeser Bürgerwehr, die Prinzen-Garde und die Roten Funken. Während der sechswöchigen Karnevals-Session war das Orchester wieder als Saalkapelle bei den Sitzungen verschiedener Gesellschaften im Einsatz.

 

 

Die Stadtkapelle als Sitzungskapelle im Kölner Karneval

Die erste CD-Produktion der Stadtkapelle aus dem Jahr 2006.

 

 

 

Im Jahr 2007 wurde ein wichtiger Schritt in Richtung Zukunft unternommen: Es wurde der Grundstein für die Jugendarbeit der Stadtkapelle gelegt, da nur eine vernünftige Ausbildung von Nachwuchsmusikern den Bestand der Blasmusik in Köln sichern kann. Den Anfang machte eine Bläserklasse an einer Kölner Grundschule. Mittlerweile organisiert und unterstützt die Stadtkapelle den Musikunterricht an Schulen im gesamten Stadtgebiet mit über 20 Bläserklassen und 4 Jugendorchestern.  

Auch im öffentlichen Leben der Stadt war die Kapelle nun wieder verstärkt präsent. Am 3. Juli 2010 spielte sie zur feierlichen Einweihung des wiedererrichteten Petrusbrunnens auf der Papstterrasse des Domes. Im Sommer kehrte das Orchester auf die großen rheinischen Schützenfeste zurück. Am 8. Oktober 2011 beschloss daher das Präsidium des Bundes der historischen deutschen Schützenbruderschaften den Ehrentitel "Bundesschützenkapelle Köln" für die Stadtkapelle Köln zu bestätigen. Die Überreichung der Ernennungsurkunde erfolgte am 16. September 2012 auf dem Bundesfest in Hürth-Hermülheim. Wie schon fast 60 Jahre zuvor, marschierte die Kölner Bundesschützenkapelle an der Spitze des großen Festzuges und eröffnete die abschließende Parade vor dem Bundeskönig und den Ehrengästen.

 

 

Die Bundesschützenkapelle Köln mit Kapellmeister Stefan Alfter beim Abmarsch vom Neusser Markt während der Königsparade des Neusser Schützenfestes. Das Foto entstand an exakt der selben Stelle wie jenes von 1956.

 

 

 

Von 2010 bis 2014 stellte die Stadtkapelle die Korpskapelle des Reiter-Korps "Jan von Werth". Das 1925 gegründete Traditionskorps erinnert an einen populären Kölner Reitergeneral des 30-jährigen Krieges. Im Rahmen dieser Tätigkeit begleiteten die Musiker alle Auftritte des Korps in großer Uniform und spielten zudem als Saalkapelle bei allen Sitzungen der Gesellschaft.

Alljährlicher Höhepunkt war neben dem Rosenmontagszug das historische Jan-und-Griet-Spiel an Weiberfastnacht. Auf dem Chlodwigplatz stellt das Reiter-Korps in jedem Jahr den siegreichen Einzug des Reitergenerals Jan von Werth in seine Heimatstadt dar, bei dem es der Legende nach zu der schicksalshaften Begegnung mit seiner Jugendliebe, der Magd Griet kam. Die Trompeter der Stadtkapelle spielten hierzu von der Balustrade der Severinstorburg historische Trompetensignale nach Art der Heroldstrompeter des 17. Jahrhunderts.

 

 

Die Stadtkapelle als Kapelle des Reiter-Korps "Jan von Werth" im Rosenmontagszug 2012.

Die Kapelle begleitete sowohl das Korps bei seinen Aufzügen...

... als auch als Saalkapelle die Sitzungen der Gesellschaft.

 

 

 

Im Jahr 2013 wurde Sven-Christian Kinne zum künstlerischen Direktor der Stadtkapelle Köln berufen. Er war bereits seit 2007 als erster Trompeter bei der Stadtkapelle tätig und von nun an als künstlerischer Leiter für die Orchesterproben und die Leitung der Kapelle bei konzertanten Einsätzen verantwortlich.

Aus Anlass des von Papst Franziskus ausgerufenen heiligen Jahres 2016 nahm Kapellmeister Stefan Alfter als Repräsentant der Bundesschützenmusik an der Rom-Wallfahrt des Bundesvorstandes der historischen deutschen Schützenbruderschaften teil. Höhepunkte dieser Reise waren eine Papst-Audienz auf dem Petersplatz und der Besuch des Petrusgrabes in den Katakomben des Petersdoms.

 

 

Kapellmeister Stefan Alfter mit dem Bundesschützenmeister und dem Bundesgeschäftsführer während der Papst-Audienz auf dem Petersplatz in Rom.

 

 

 

Durch die freundliche Vermittlung der Kölner Brauchtumslegende Reinold Louis konnten die restlichen Notenbestände aus dem Nachlass Christian Reuters mit dem Notenarchiv der Stadtkapelle zusammengeführt werden, wodurch der größte Teil des alten Notenarchives nun wieder vereint war. Es wurde sehr schnell klar welch einen bedeutenden kulturellen Schatz dieses Archiv darstellte. Es umfasste über 800 Werke von Kölner Komponisten und Kapellmeistern. Eine Fülle, welche im Rahmen der Tätigkeit als Kapelle eines Traditionskorps überhaupt nicht dargestellt werden konnte. Daher entschied man sich, künftig neue Wege zu gehen, um so die im Notenarchiv vorhandenen Titel in einem entsprechenden und angemessenen Rahmen präsentieren zu können. Schließlich handelt es sich bei diesen Werken um Kompositionen und Arrangements erster Güteklasse, wie sie heute kaum noch zu finden sind. Diese im Karneval ewig populären und qualitativ anspruchsvollen Werke sollten dem Publikum nun wieder zugänglich gemacht werden.

Gleichzeitig erhielten die Musiker der Stadtkapelle neue Uniformen. Die traditionellen grünen Schützenuniformen wurden in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts zunehmend als anachronistisch empfunden und daher durch eine etwas zivilere aber nicht minder elegante Kleidung ersetzt. 

Am 25. März 2017 wurde der Stadt- und Bundesschützenkapelle Köln in Erinnerung an die gemeinsame Romwallfahrt im vorangegangenen heiligen Jahr 2016 vom Bund der historischen deutschen Schützenbruderschaften das Anno-Santo-Kreuz verliehen. Die Verleihung fand im Rahmen einer heiligen Messe in St. Maria in der Kupfergasse statt, welche von der Kapelle in feierlicher Form musikalisch gestaltet wurde.

 

Verleihung des Anno-Santo-Kreuz in St. Maria in der Kupfergasse.

 

 

 

Nur wenige Wochen später reiste der Vorstand der Stadtkapelle nach Sevilla um dort am Festakt des "Hermanamiento", der offiziellen Partnerschaft zwischen der Stadtkapelle Köln und der Banda "La Oliva" aus Salteras teilzunehmen. Bereits seit mehreren Jahren hatte eine enge Freundschaft zwischen den beiden Orchestern bestanden, welche ihren lebendigen Ausdruck in regelmäßigen gegenseitigen Besuchen fand. So nahmen spanische Musiker am Kölner Rosenmontagszug und auch mehrmals am Neusser Schützenfest teil. Im Gegenzug spielten Kölner Musiker zu den Prozessionen der weit über die Grenzen Spaniens hinaus bekannten Semana Santa von Sevilla, welche trotz des eher ernsten kirchlichen Hintergrundes in Wirklichkeit doch ein gewaltiges Volksfest ist, welches in Popularität und Umfang dem Kölner Karneval in nichts nachsteht.

 

 

Kölner Musiker in Sevilla

 

Kapellmeister Stefan Alfter gemeinsam mit der Leitung der Banda "La Oliva" Salteras und dem bekannten spanischen Militärkapellmeister und Komponisten Abel Moreno während der Semana Santa in Sevilla.

 

 

Als Bundesschützenkapelle des Bundes der historischen deutschen Schützenbruderschaften nimmt die Stadtkapelle Köln immer wieder besondere Repräsentationsaufgaben wahr. Zuletzt geschah dies im Juni 2019, als im Kölner Vorort Stammheim der Bundesköniginnentag stattfand. Dieses zweitägige Fest soll die besondere Rolle der Frau im Schützenwesen herausstellen und rückt daher die Schützenköniginnen in den Vordergrund.

Die Stadt- und Bundesschützenkapelle Köln übernahm einen Großteil der musikalischen Gestaltung des Festes. Nach einem offiziellen Empfang im historischen Rathaus der Stadt Köln wurde das Fest mit einem Großen Zapfenstreich feierlich eröffnet. Am Fest-Sonntag erlebten über 5.000 Schützen zunächst einen außerordentlichen Prozessionsauszug der freudenreichen Muttergottes von Stammheim zur Festmesse im historischen Schlosspark. Im Anschluss bewegte sich ein großer Festzug durch die festlich geschmückten Straßen Stammheims. Traditionsgemäß spielte die Stadtkapelle zur großen Parade an der voll besetzten Ehrentribüne bevor das Fest schließlich im Stammheimer Schützenbiergarten seinen stimmungsvollen Ausklang fand.

 

 

 

 

Heute nun sieht sich die Stadtkapelle Köln mehr denn je als Repräsentant einer über 300-jährigen Tradition der Blasmusik in unserer Stadt. Im Karneval pflegen wir das große kulturelle Erbe der traditionellen kölschen Musik. Im Sommer ist die Kapelle als Bundesschützenkapelle des Bundes der historischen Schützenbruderschaften wieder fester Bestandteil der großen Brauchtumsfeste in der Region rund um Köln. Und schließlich hilft eine breit angelegte Jugendarbeit den langfristigen Bestand der Kapelle für die Zukunft zu sichern.

 

 

Die Stadtkapelle in der Kölner Philharmonie.

 

 

 

 

 

 

 

Quellen:     

 

Heinz Oepen - Beiträge zur Geschichte des Kölner Musiklebens 1760-1840

Ursel Niemöller - Carl Rosier, Kölner Dom- und Ratskapellmeister

Klaus Wolfgang Niemöller - Kirchenmusik und reichsstädtische Musikpflege im Köln des 18. Jahrhunderts

Emil Kuhnen - Hundert Jahre Kölner Karneval

Paul Mies - Das kölnische Volks- und Karnevalslied von 1823-1923

Klaus Schlegel - Militärmusik in Köln

Klaus Schlegel - Kölner und Düsseldorfer Militärkapellmeister und ihr Einfluss auf den Karneval

Wolfgang Oelsner - Der Ehrengarde-Marsch, ein musikalisches Markenzeichen und seine Schöpfer

Markus Leifeld - Der Kölner Karneval in der Zeit des Nationalsozialismus

sowie zahlreiche private Archive und mündliche Überlieferungen von Zeitzeugen, ehemaligen Musikern, Schützenbrüdern und Karnevalisten.

 

Besonderer Dank gilt:

 

Frau Marianne Bally

Herrn Peter von den Driesch

Herrn Reinold Louis

Rheinisches Schützenmuseum Neuss

Joseph-Lange-Schützenarchiv, Herrn Dr. Christian Frommert

Archiv der Adlerschützen Zollstock, Herrn Dieter Jansen

Archiv der St. Sebastianus Schützenbruderschaft Nippes

Herrn Günter Krosse & Herrn Dieter Wolf

 

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