Tradition

1695 - 1745

Die Geburt der Blasmusik in Köln

 

Im Januar 1695 beschloss der Rat der Stadt Köln die Aufstellung einer Musikkapelle für das Regiment der Kölner Stadtsoldaten. Zu jener Zeit war Köln als freie Reichstadt ein weitgehend unabhängiger Stadtstaat, der aber verpflichtet war, im Kriegsfall ein Militärkontingent zur Reichsarmee zu stellen. Wie alle Militärmusiker dieser Epoche wurden die Angehörigen der Musikkapelle als "Hautboist" (sprich: "Oboist") bezeichnet. Finanziert wurde die Kapelle aus dem städtischen Etat.

Die Musiker der "Stadt-Hautboisten-Banda" traten in der Uniform der Kölner Stadtsoldaten auf: roter Uniformrock mit weißen Aufschlägen und weißen Kniebundhosen, dazu ein schwarzer Dreispitz. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte die Kapelle eine Stärke von sechs Musikern. Dies entsprach den üblichen Gegebenheiten in allen Regimentern der kaiserlichen Armee. Die Besetzung bestand zunächst lediglich aus den Instrumenten Oboe und Fagott. Neben Militärmärschen war es üblich, dass die Regimentshautboisten auch sogenannte Suitensätze wie Entree oder Menuette spielen konnten.

Wer die Leitung der städtischen Kapelle in den ersten Jahren innehatte ist unbekannt. Erst im August 1700 schuf der Stadtrat die Position eines "Ratskapellmeisters". Dieses Amt übernahm der im Jahr zuvor ernannte Domkapellmeister Carl Rosier nun zusätzlich. Carl Rosier stammte aus Lüttich und war vor seiner Anstellung in Köln als Musiker in der kurfürstlichen Hofkapelle in Bonn tätig gewesen und hatte einige Zeit als Komponist in den Niederlanden verbracht. Aufgrund seines Werdeganges war Rosier als Kapellmeister und Komponist eine überaus angesehene und geschätzte Persönlichkeit. 

Ab 1722 wurden die Stadt-Hautboisten auch zur Ergänzung der nur aus Streichern bestehenden Domkapelle herangezogen, wenn dort zur Aufführung feierlicher Messen Bläser benötigt wurden. Darüber hinaus sind auch regelmäßige Einsätze zu den verschiedenen Kirmessen und Prozessionen der Kölner Innenstadt-Pfarreien belegt. Somit bildete die städtische Kapelle einen wesentlichen Faktor im öffentlichen Musikleben der Stadt Köln.

Nach dem Tode Carl Rosiers wurde am 13. September 1726 Theodor Eltz zum neuen Dom- und Ratskapellmeister ernannt.

 

 

 

1745 - 1783

Der Wandel von Hautboisten zur Harmoniebesetzung

 

Ab 1745 wurde die städtische Musikkapelle auf acht Musiker vergrößert und das Instrumentarium schrittweise erweitert, wodurch sich die bisherige Hautboisten-Truppe hin zu einer komplett besetzten Harmonie-Musik wandelte. Schon einige Jahre zuvor war das Horn als zusätzliches Instrument eingeführt worden.  Es folgten die Klarinetten in den verschiedenen Stimmungen C, b und A. Im Jahr 1745 wurde das Orchester schließlich durch drei Trompeter ergänzt. Zu besonderen Anlässen wurde die Kapelle sogar um einen Pauker, ein Serpent sowie um eine weitere Trompete und ein weiteres Horn verstärkt. Trotz dieser Weiterentwicklung behielten die Musiker ihre traditionelle Bezeichnung als "Hautboisten".

Die Hautboisten-Banda war der ersten Kompanie der Stadtsoldaten unterstellt. Die Leitung hatte weiterhin der städtische Dom- und Ratskapellmeister, der selber aber keinen militärischen Rang bekleidete. Im Jahr 1747 wurde daher der Hautboist Johann Willem Wolter zum Musikmeister der Stadt-Hautboisten-Banda ernannt und leitete die Kapelle bei allen militärischen Einsätzen. Die musikalische Gesamtleitung lag aber weiterhin in den Händen des Dom- und Ratskapellmeisters Theodor Eltz.

Neben dem militärischen Zeremoniell bestimmte besonders die in Köln nahezu omnipräsente Kirchenmusik den Alltag der Stadt-Hautboisten. So wurden sie vom Domkapitel alljährlich zu den Prozessionen an Christi Himmelfahrt, zu Pfingsten und am Fronleichnamstag verpflichtet, stets in ihrer städtischen Uniform! Zudem hatten sie als Militärkapelle in den Samstagsandachten und an den Marienfesten in der (im Zweiten Weltkrieg zerstörten) Ratskapelle St. Maria in Jerusalem anstelle eines Orgelspiels zu musizieren.

Ein besonderes Ereignis war immer die Wahl und anschließende Krönung eines neuen Kaisers. Hierzu richtete der Rat der Stadt Köln stets einen großen Festtag aus. Zu Sonnenauf- und Untergang spielte die "Magistrats-Hautboisten-Banda" eine je einstündige feierliche Turmmusik vom Rathausturm. Am Abend folgte auf dem Altermarkt ein Konzert samt prächtiger Illumination und Feuerwerk. Im Anschluss spielten die Musiker zur Tafelmusik im Rathaus, während beim Volksfest auf den Straßen und Plätzen die Pauker und Trompeter "die ganze Nacht hindurch allerhand schöne Märsche, Feldstücke und dergleichen geblasen haben".

Nachdem Johann Willem Wolter aus dem Dienst ausgeschieden war übernahm 1764 der bisherige Fagottist Michael Frantzen die Aufgaben des Musikmeisters der Stadt-Hautboisten-Kapelle.

Neben den dienstlichen Militär- und Kirchenmusikeinsätzen entwickelte sich dank eines blühenden Kulturlebens auch immer stärker die Möglichkeit eines "ausserdienstlichen Auftretens" der städtischen Musiker bei öffentlichen Veranstaltungen. Im Jahr 1771 erließ der Rat der Stadt Köln daher neue Bestimmungen für die städtische Musikkapelle:

Der Rat genehmigte, dass "die bei hiesigem Bataillon stehenden Hautboisten bei den öffentlichen Bällen, Konzerten, Komödien und Opern" spielen dürfen, aber dass "um aller Beschwernis und Überforderung vorgekehrt werde, so werden vorbesagte Hautboisten ernstlich angewiesen, bei jeder dergleichen Vorfalleinheiten nach folgender Tax-Ordnung sich zu fügen:

1. sollen dieselben von einem Nachtball jeder ein mehreres nicht denn zwei Florin fordern.

2. von einem Konzert 30 Stüber

3. von einer Komödie oder Opera ebenfalls 30 Stüber zu fordern berechtigt sein."

Nach dem Tod von Theodor Eltz wurde das Amt des Dom- und Ratskapellmeisters getrennt. Neuer Ratskapellmeister wurde im Jahr 1775 der bisherigen Stadt-Hautboist Anton Götzscher. Er war bereits seit 1762 in städtischen Diensten und übernahm nun die alleinige Leitung der Kapelle.

 

 

1784 - 1794

Des Freiherrn von Mylius Kapelle

 

In den 1770er Jahren hatten sich bei den Stadtsoldaten jene Zustände eingestellt, die bis heute zu ihrem legendären Ruf beitragen. Die Truppe war spärlich besoldet, die Disziplin war schlecht und auch innerhalb der Kölner Bevölkerung erfreuten sie sich keiner großen Beliebtheit. Man bezeichnete sie abschätzig als "Funken". Viele Stadtsoldaten gingen einer bezahlten Nebentätigkeit nach, um überhaupt über die Runden zu kommen. Als die Kölner ein Kontingent zur Reichsarmee stellen mussten, kam es beim ersten Gefecht angeblich zu folgender Szene: Nachdem die gegnerischen Truppen ihre erste Salve abgefeuert hatten riefen die Kölner Stadtsoldaten empört: "Hürt op zo scheße! Süht ehr dann nitt, dat he Lück stonn?!"

So konnte es nicht weitergehen, eine Militärreform musste her. Im Jahr 1784 ernannte der Rat der Stadt Köln Caspar Josef Carl von Mylius zum neuen Stadtkommandanten. Von Mylius, Sohn eines Kölner Bürgermeisters, war bereits 1766 als Offizier in die kaiserliche Armee eingetreten und kehrte nun als Obrist-Leutnant und Generaladjutant des niederheinisch-westfälischen Reichskreises aus Wien nach Köln zurück. Seine Reform des städtischen Militärs trug schnell Früchte, so dass die Kölner Stadtsoldaten schon nach kurzer Zeit wieder als diszipliniert und voll einsatzfähig galten.

Offensichtlich wusste der Freiherr von Mylius eine gute Musik ebenfalls zu schätzen und sorgte daher dafür, dass auch die Hautboisten wieder auf Vordermann gebracht wurden. So bewilligte der Stadtrat im Dezember 1787 die stolze Summe von 280 Gulden um die städtische Kapelle komplett mit neuen Instrumenten auszustatten.

1794 wurde von Mylius zurück ins kaiserliche Hauptquartier kommandiert. Als Zeichen der engen Verbundenheit mit seinen Kölner Stadtsoldaten blieb er ehrenhalber Inhaber der 1. Kompanie, zu der auch die Hautboisten-Banda zählte. Kompanie und Kapelle trugen fortan den Titel "Von-Mylius-Kompanie".

Dass der Freiherr von Mylius ein großer Musikliebhaber war, belegt noch eine weitere Anekdote: Nach seinem Tod fand man in seinem Nachlass einen Notensatz aus dem Jahr 1781, den er wohl aus Wien mitgebracht hatte. Es handelt sich um die älteste vorhandene Ausgabe des Liedes vom treuen Husaren, also jenes Werk, welches später das populärste Karnevalslied aller Zeiten werden sollte und bis zur Entstehung von Ostermanns "Heimweh nach Köln" im Jahr 1936 als inoffizielle Kölner Nationalhymne galt. Da der Notensatz eindeutig auf das Jahr 1781 datiert werden konnte, kann als sicher angenommen werden, dass bereits die Kölner Stadt-Hautboisten diese Melodie für ihren Kommandanten von Mylius aufgeführt haben dürften.

Nach seiner Entlassung aus der kaiserlichen Armee kehrte der mittlerweile zum Feldmarschalleutnant beförderte Freiherr von Mylius im Jahr 1805 wieder nach Köln zurück. Er bezog auf Schloss Reuschenberg nahe der Ortschaft Bürrig im heutigen Leverkusen seinen Altersruhesitz, wo er im Jahr 1831 verstarb. Der umtriebige Freiherr ist dort bis heute in bester Erinnerung geblieben. Vor der Bürriger Pfarrkirche zeigt ein Denkmal den Freiherrn von Mylius in Husarenuniform.

 

 

 

1794 - 1813

Unter französischer Herrschaft

 

Im Oktober 1794 stand die französische Revolutionsarmee vor den Toren Kölns. Aus taktischen Gründen wurde die Stadt kampflos den Franzosen überlassen. Zuvor waren die Stadtsoldaten aus Köln abgezogen, um sich im Süden der Reichsarmee anzuschließen. Dort verteidigten sie in siegreichen Schlachten die Stadt Mainz und später die Festung Philippsburg erfolgreich gegen die Franzosen. Köln hingegen wurde für die kommenden 20 Jahre eine französische Stadt.

Die Hautboisten hatten die Stadt nicht mit den Stadtsoldaten verlassen, sondern waren in Köln verblieben. Hier spielten sie zunächst weiterhin zu kirchlichen Anlässen, wie etwa dem Kirchweihfest der Ratskapelle oder zu den Exequien für den verstorbenen Bürgermeister v. Stattlohn. Darüber hinaus wurde die Kapelle nun aber auch von der französischen Verwaltung eingesetzt: Am 21. September 1797 wurde zum französischen Nationalfeiertag auf dem Gülichplatz ein sogenannter Freiheitsbaum errichtet. Hierzu fand ein Festzug vom Rathaus "unter Voranschreiten der herz-erhebenden (französischen) Feldmusik und der sanft-berauschenden Stadtmusik" statt. 

Der Chronist Klaus Niemöller vermerkte hierzu: "Die musikalische Ausgestaltung der Siegesfeiern, patriotisch-republikanischen Feste, Bürgerfeste und der späteren Feiern der Napoleonischen Ära standen im denkbar krassesten Gegensatz zu dem bisherigen, von der Kirchenmusik bestimmten Musikleben der Stadt."

Die Namen der Stadt-Hautboisten jener Zeit sind in einer Pensionsliste erhalten geblieben: Neben dem Kapellmeister Anton Götzscher, der es auf eine Dienstzeit von über 40 Jahren gebracht hatte waren dies: Michael Frantzen mit 33 Jahren Dienstzeit, Christian Wolter mit 30 Jahren Dienstzeit, Reiner Obelin mit 23 Jahren Dienstzeit, Anton Lüttgen und Peter Klein mit jeweils 8 Jahren Dienstzeit, sowie die erst seit 1793 dienenden Paul Lüttgen und Benedikt Kuth.

Im Jahr 1798 erhielten die Musiker der Stadtkapelle neue Uniformen: Die roten stadt-kölnischen Uniformen wurden durch blaue Uniformen im französischen Stil mit weißen Aufschlägen und Rabatten ersetzt. Außerdem wurde die Kapelle bei besonderen Anlässen nun auf bis zu 20 Musiker aufgestockt.

Doch bereits zwei Jahre später entschied der Kölner Magistrat, die finanzielle Unterstützung der städtischen Kapelle einzustellen. Die Kapelle wurde in der Folgezeit vom Kapellmeister Anton Götzscher mehr oder weniger privat organisiert und vom Magistrat für Veranstaltungen jeweils einzeln bestellt und bezahlt. Glücklicherweise durften die Musiker ihre Instrumente und Uniformen behalten. Trotz der Ausgliederung aus dem öffentlichen Dienst wurde das Orchester auch weiterhin als Stadt-Hautboisten-Kapelle bezeichnet. 

So spielten die Stadt-Hautboisten im Jahr 1804 zu den Kölner Feierlichkeiten anlässlich der Thronbesteigung Napoleons ebenso wie zum Besuch des französischen Kaisers in Köln. Im selben Jahr wurde, nach neunjährigem Verbot, die Fronleichnamsprozession wieder zugelassen. Wie zu reichsstädtischer Zeit spielte die Stadtkapelle nun wieder in jedem Jahr zu diesem wichtigsten kirchenmusikalischen Ereignis auf. Ebenso musizierte sie weiterhin zu Sieges- und Nationalfesten sowie im Jahr 1811 zur Feier der Geburt von Napoleons Sohn. Von diesem Ereignis zeugt die einzige überlieferte bildliche Darstellung der Kölner Stadt-Hautboisten: 

 

 

 

Der letzte dokumentierte Einsatz unter Anton Götzschers Leitung fand am 22. März 1811 zum Laetare-Fest von St. Pantaleon statt.  Am 20. Juli 1811 verstarb Kapellmeister Götzscher im Alter von 85 Jahren, nach 49 Jahren als städtischer Musiker, davon 36 Jahre als Kapellmeister. Als Nachfolger erscheint zunächst Angelus Eisenmann, kurz darauf aber der seit 1793 aktive Stadt-Hautboist Benedikt Kuth. Unter seiner Leitung spielte die Kapelle im Jahr 1812 zur Fronleichnamsprozession und am 30. Oktober des selben Jahres zu einem Te Deum im Dom mit anschließendem Festzug anlässlich des Sieges Napoleons über die Russen (Einnahme der Stadt Moskau). Am 21. September 1813 fand schließlich der letzte dokumentierte Einsatz der Kapelle anlässlich des französischen Nationalfestes statt. Damit endete nach 118 Jahren die Existenz der ersten Kölner Stadtkapelle.

 

 

 

1814 - 1899

Die Preußen kommen

 

In Folge der Niederlage Frankreichs in der Leipziger Völkerschlacht zogen die Franzosen am 14. Januar 1814 aus Köln ab. Die Kölner hofften sehr auf eine Wiederherstellung der Unabhängigkeit ihrer Stadt, doch der Wiener Kongress entschied, die Stadt Köln sowie die gesamten Rheinlande dem Königreich Preußen zuzuschlagen. Daher zogen nun preußische Regimenter in die Stadt ein. Diese brachten ihre hervorragenden Militärkapellen mit, welche in den folgenden Jahrzehnten einen großen Teil des Kölner Musiklebens bestimmen sollten.

Im Gegensatz zu den französischen Militärkapellen, denen ein außerdienstliches Auftreten im kirchlichen und zivilen Rahmen verboten war, spielten die preußischen Militärmusiker nun neben Paraden und Appellen auch zu den beliebten Sommer- oder Winterkonzerten, öffentlichen Feiern und Festakten. Durch das öffentliche Auftreten der Militärmusiker hofften die am Rhein äußerst unbeliebten Preußen, in der Bevölkerung zumindest eine gewisse Akzeptanz erreichen zu können. Darüber hinaus stellten die preußischen Militärkapellen nun, wie zuvor die Stadt-Hautboisten, die Blech- und Holzbläser für die Domkapelle. Eine städtische Musikkapelle wurde daher nicht länger benötigt, was dazu führte, dass die Stadt-Hautboisten-Kapelle nach dem Abzug der Franzosen nicht reorganisiert wurde.

An ihre Stelle traten nun also die preußischen Militärkapellen, namentlich die Kapelle des 3. Rheinischen Landwehr-Regimentes unter Musikmeister Karl Almenräder  und die Kapelle des 2. Rheinischen Schützenbataillons unter der Leitung von Kapellmeister Wolff. Unmittelbar nach dem Abzug der Franzosen war bereits das Musikkorps des königlich sächsischen Armee-Korps in Köln eingerückt. Diese Kapelle erfreute sich bei den Kölnern größter Beliebtheit. Zu besonderen Anlässen wurden nun sogenannte "Monstre-Konzerte" veranstaltet, zu denen alle drei Kapellen gemeinsam aufspielten.

In den 1820er Jahren wurden die Infanterie-Regimenter Nr. 25 und Nr. 28 mit ihren Musikkapellen nach Köln verlegt. Letzteres hatte im Jahr 1815 unter dem Kommando des Herzogs von Wellington in der Schlacht von Waterloo mitgefochten. Am 24. April 1826 besuchte der Herzog von Wellington die Stadt Köln und nahm persönlich auf dem Neumarkt eine Parade des Regiments ab. Beeindruckt von der Qualität der Musikkapelle stiftete er dieser zum Dank und zur Erinnerung einen eigenen Schellenbaum, welcher künftig voller Stolz bei jedem Einsatz der Kapelle vorangetragen wurde. Vom Kapellmeister der 28er, Johann Kelch, stammt auch der älteste noch erhaltene Kölner Marsch, der Armeemarsch 114 aus dem Jahr 1839. Die Noten zu diesem Marsch befinden sich im Archiv der Stadtkapelle Köln.     

Der Chronist Heinz Oepen vermerkte weiter über jene Zeit: "Die Rheinau und das Gartenlokal Renner in Deutz boten einer unbegrenzten Zahl von Zuhörern Gelegenheit, den repräsentativen Schaukonzerten beizuwohnen. In diesen Konzerten hörte man überwiegend Opernmusik, vor allem Ouvertüren. Sechs verschiedene Ouvertüren in einem Programm waren durchaus keine Seltenheit. Carl Maria von Weber, Marschern, Spohr, Meyerbeer, Auber, und Rossini waren die bevorzugten Komponisten. Es fehlte auch nicht an Modetänzen und Karnevalsliedern. Von Labitzky und Lanner erklangen die ersten Walzer. Natürlich war auch die Marschmusik stark vertreten. Die Militärkonzerte bedeuteten in diesem Zeitabschnitt eine wesentliche Bereicherung des Kölner Konzertwesens."

Bereits im Jahr 1823 hatte sich das Festordnende Komitee des Kölner Karnevals gegründet. Dieses führte eine umfassende Reform des Karnevals durch und organisierte im selben Jahr den ersten Rosenmontagszug.  Die um weitere Akzeptanz bemühten Preußen stellen hierzu gerne ihre Militärkapellen, aber auch Pferde und Fuhrwerke zur Verfügung.

Im Jahr 1851 fand ein erneuter Garnisonswechsel statt: Die 25er und 28er zogen aus Köln ab, dafür wurde das Füsilier-Regiment 33 mit seiner Musikkapelle nach Köln verlegt. Die Musikkapelle der 33er stand unter der Leitung von Heinrich Laudenbach. Zur selben Zeit wurden die Bauarbeiten zur Vollendung des Kölner Doms nach einer fast 400-jährigen Unterbrechung wieder aufgenommen. Kapellmeister Laudenbach komponierte hierzu den "Geschwindmarsch über das Kölner Dombaulied", in dem er das Werkgesellenlied der Kölner Dombauhütte verarbeitet hat. Auch dieser Marsch befindet sich im Archiv der Stadtkapelle.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts hin verstärkten die Preußen ihre militärische Präsenz in der Stadt immer weiter. Vor der Jahrhundertwende waren in Köln acht preußische Militärkapellen stationiert:

- Infanterie-Regiment 16 in Mülheim

- Infanterie-Regiment 53 in Kalk

- Infanterie-Regiment 65 in Riehl (Boltensternstr.)

- Pionier-Batallion 7 und Pionier-Batallion 24 in Riehl (Boltensternstr.)

- Bergisches Feldartillerie-Regiment 59 in Riehl (Barbarastr.)

- Fußartillerie-Regiment 7 am Zugweg (später Arnoldshöhe)

- Kürassier-Regiment 8 in Deutz

 

 

 

Reinhold Fellenberg, Musikmeister der 8. Kürassiere

 

Zum Karneval tauschten die Militärmusiker regelmäßig ihre preußisch-blauen Uniformen gegen die Uniformen der mittlerweile gegründeten Kölner Traditionskorps. Musikkorps und Spielleute der 16er spielten mit Unterbrechungen seit ca. 1870 bei den Roten Funken, zunächst unter Kapellmeister Eduard Lüttich, später dann unter Wilhelm Beez. Bei den Blauen Funken spielte die Feldartillerie unter Obermusikmeister Robert Fensch, Komponist zahlreicher Karnevalslieder und Büttenmärsche,  daher von den Kölnern nur „der reitende Mozart“ genannt. Der Ehrengarde ritt u.a. das auswärtige Trompeterkorps eines Großherzoglich-Hessischen Trainbatallions voran, dessen Kapellmeister Friedrich Wilhelm Klein aber gebürtiger Kölner war. Bei der Prinzengarde musizierten an der Spitze Spielleute und Musikkorps der 65er unter Obermusikmeister Emil Lattermann. Vor dem Prinzenwagen spielte bereits seit ca. 1875 das populärste Kölner Musikkorps: Das berittene Trompeterkorps der Deutzer Kürassiere, lange Jahre unter der Leitung des legendären Reinhold Fellenberg, Komponist zahlreicher Korps- und Büttenmärsche. Er schrieb u.a. den Marsch der Blauen Funken und ergänzte den Marsch der Roten Funken um das bekannte Trio "ritsch, ratsch, die Botz kapott". In Würdigung seiner Leistungen nannte man ihn schlicht den "Trompeter von Köln". So waren es ausgerechnet preußische Kapellmeister, zumeisst auch noch von auswärts, welche die kölnische Blasmusiktradition im 19. Jahrhundert maßgeblich mitgestalteten und ausbauten.

 

Robert Fensch in Uniform der Blauen Funken.

1899 - 1914

Neue Kölner Kapellen - Fritz Hannemann und Hermann Schmidt

 

Zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden in Köln ergänzend zu den preußischen Militärkapellen die ersten Zivilkapellen gegründet, welche sich besonders zum Karneval hervortaten. Die Musikvereine "Ossian" und "Arion" waren aus Gesangvereinen hervorgegangen und finden sich seit ca. 1890 regelmäßig in der Aufstellung des Rosenmontagszuges.

Im Jahr 1899 gründete Fritz Hannemann eine Musikkapelle, die als das "Hannemannsche Trompeterkorps" bekannt wurde. Der 1868 geborene Hannemann war von 1886 bis kurz vor der Jahrhundertwende als Kornettist und Violonist im Dienstrang eines Hautboist-Unteroffiziers Musiker in der Kapelle des Fußartillerie-Regiment 7 gewesen, deren Kaserne damals noch am Zugweg in der Kölner Südstadt lag. Nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Militärdienst gründete er nun seine eigene Musikkapelle. Ihm gelang es, als Hauskapelle in die Victoria-Säle an der Severinstraße einzuziehen. Diese waren damals beliebter Schauplatz zahlreicher Karnevalssitzungen und Revue-Veranstaltungen. Dadurch konnte sich die Kapelle schnell einen guten Namen beim Kölner Publikum machen. Zum Rosenmontagszug spielte die Kapelle zunächst für verschiedene Gesellschaften, unter anderem für die Karnevalsgesellschaft "Seiner Tollität Reichsflotte".

   

Das Hannemannsche Trompeterkorps als Matrosenkapelle verkleidet im Rosenmontagszug des Jahres 1908.

 

Einige Jahre später, vermutlich 1909, gründete Hermann Schmidt eine weitere Musikkapelle, welche bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges unter dem Namen Rheinische Kaiserjägerkapelle bestand. Hermann Schmidt, geboren 1878 in Stargard in Pommern, war ebenfalls Militärmusiker gewesen. Er hatte beim Musikkorps des Pionierbatallions Nr. 7 an der Boltensternstraße gedient und spielte das Solo-Piston derart virtuos, dass er bereits nach einer relativ kurzen Dienstzeit den Militärdienst quittierte, um sich nun mit einer eigenen Kapelle selbstständig zu machen. 

 

Die Rheinische Kaiserjägerkapelle mit Kapellmeister Hermann Schmidt, 1912.

 

Allerdings standen die Zivilkapellen bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Schatten der in Köln stationierten Militärkapellen der preußischen Armee. Diese waren bei Veranstaltern und Publikum weiterhin stets die erste Wahl und schränkten somit das Wirken und die Entwicklung der zivilen Kapellen stark ein.

Immerhin konnte Fritz Hannemann mit seiner Kapelle einen Achtungserfolg gegen die militärische Konkurrenz erzielen. Im Jahr 1911 wurde Carl Umbreit Präsident der Prinzen-Garde. Er verpflichtete für die Sitzungen des Jahres 1912 die ausgezeichnete und überaus populäre Kapelle der Feldartillerie unter Robert Fensch. Da diese zu Rosenmontag aber bereits bei den Blauen Funken verpflichtet war, gelangte nun das Hannemannsche Trompeterkorps als erste Zivilkapelle auf die prestigereiche Position an der Spitze eines Traditionskorps. Bei den zahlreichen Sitzungen der sechswöchigen Karnevalssession spielten die Zivilkapellen aber weiterhin eine eher untergeordnete Rolle.

 

Fritz Hannemann mit seinen Musikern in Uniform der Prinzen-Garde, 1912.

1918 - 1936

Bewegte Zeiten:

Von der britischen Verwaltung zur Blüte der Zivilkapellen bis zum Ende der Entmilitarisierung

 

Die wirtschaftliche Lage der Kölner Zivilkapellen änderte sich grundlegend mit der Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg. Das Rheinland wurde entmilitarisiert, alle Militärkapellen der einstigen Kölner Garnison wurden aufgelöst. Nach den Franzosen und Preußen zogen nun die Briten in Köln ein.

Anfang Dezember 1918 hielt die "Brigade of Guards" vom Aachener Weiher aus Einzug nach Köln: Die Coldstream Guards zogen mit ihrer hervorragenden Musikkapelle über die Hohenzollernbrücke, um Quartier in Deutz und in der Kalker Kronprinzen-Kaserne zu beziehen, während der Irish Guards mit ihrer nicht minder guten Kapelle entlang des Hansaring und der Riehler Straße zur Kaserne an der Boltensternstraße marschierten.

Für die kommenden acht Jahre sollte Köln unter britischer Verwaltung stehen. Es galt sogar die britische Uhrzeit. Das Verhältnis zwischen den britischen Besatzern und der Kölner Bevölkerung wird jedoch als entspannt und respektvoll beschrieben. Während dieser Zeit studierte ein junger Engländer am Konservatorium in der Wolfsstraße. Es war der Sohn des Kapellmeisters der in Köln stationierten Band des King´s Royal Rifle Corps. Er sollte später einmal zum Principal Director of Music der Royal Marines aufsteigen und als erster und bisher einziger Militärkapellmeister zum Ritter geschlagen werden: Sir Vivian Dunn. Die ersten Schritte seiner Musikausbildung unternahm er in Köln.

 

Von 1918 bis 1926 spielten in Köln die Militärkapellen der britischen Garnison zu Konzerten auf und marschierten regelmäßig durch die Stadt.

 

Regelmäßig fanden nun Konzerte der britischen Militärkapellen im Stadt- und Volksgarten statt. Ihnen war jedoch, genau wie einst den französischen Musikkapellen, ein außerdienstliches Auftreten untersagt. So schlug nun endlich die Stunde der Kölner Zivilkapellen. Denn auch nach dem Kriege regte sich nach und nach wieder das traditionelle rheinische Leben mit seinem althergebrachten Brauchtum und seinem gewaltigen Bedarf an guter Blasmusik: im Winter zum Karneval und im Sommer zu den Schützenfesten. Viele der mittlerweile arbeitslosen ehemals preußischen Militärmusiker erinnerten sich an die doch recht beträchtlichen Verdienstmöglichkeiten in der Region rund um Köln und schlossen sich nun den Zivilkapellen an. So entstanden in Köln und Umgebung hervorragende zivile Klangkörper, in der Regel professionell ausgerichtet, welche in der Lage waren, durch ihr ausgezeichnetes Niveau dem hohen Anspruch der Veranstalter und des Publikums gerecht zu werden und so den Wegfall der Militärkapellen zu kompensieren.

Den hiesigen Korps und Musikkapellen blieb ein öffentliches Auftreten "in Uniform" zunächst aber noch untersagt. Ebenso blieb während der britischen Besatzungszeit der Straßenkarneval verboten. Hinter verschlossenen Türen durfte aber wieder gefeiert werden, so dass ab 1922  die ersten karnevalistischen Veranstaltungen durchgeführt werden konnten. Als die Roten Funken 1923 ihr 100-jähriges Jubiläum mit einer Festsitzung feierten, spielte hierzu nun Hermann Schmidt mit seiner Kapelle.

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg brachte zahlreiche Neugründungen von Korpsgesellschaften mit sich: Im Jahr 1922 wurde das Altstädter-Korps formiert, im Jahr 1925 folgte das Reiterkorps "Jan von Werth" und in Lindenthal gründete sich ein Husarenkorps, welches wir heute schlicht als den "Treuen Husaren" kennen. Diese neuen Korps benötigten eine charakteristische Erkennungsmusik und alle Märsche jener Korpsgesellschaften stammen von einem einzigen Komponisten: Heinrich Frantzen. Er gilt neben Willi Ostermann als der wichtigste Kölner Musikschaffende jener Zeit. Seine zahlreichen Karnevals- und Konzertmärsche lassen eindeutig den Einfluss der in Köln präsenten britischen Militärmusik erkennen.

Ebenso wie einst die preußischen Kapellen und ihre Kapellmeister, prägten nun die Briten mit ihren ausgezeichneten Orchestern das Kölner Musikleben und hinterließen deutliche Spuren: Als nach dem Abzug der Briten im Januar 1926 die Kölner Karnevals-Korps erstmals wieder auf die Straße zogen, marschierten ihre Musikkapellen nun in britischer Marschaufstellung und behielten diese selbst noch in der Nazi-Zeit bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bei. Im Notenarchiv der Stadtkapelle Köln finden sich zahlreiche britische Militärmärsche aus jener Zeit, welche bis heute mit großer Freude von uns gespielt werden. Darüber hinaus pflegt die Stadtkapelle Köln bis heute enge Kontakte zur britischen Militärmusik.

Nach dem Abzug der Briten setzte eine wahre Blüte der Zivilkapellen ein. Die bekannteste Kölner Musikkapelle der 1920er Jahre war das Hannemannsche Trompeterkorps. Entgegen dem Namen trat die Kapelle seit Kriegsende nun sinfonisch komplett besetzt, also auch mit Holzbläsern, ja zuweilen sogar mit Streichern auf. Fritz Hannemann galt in den 1920er Jahren als produktivster Kapellmeister des Kölner Karnevals. Unzählige bis heute populärer Karnevals-Schlager wie etwa "Kölsche Mädcher, kölsche Junge, sin dem Herrgott jot jelunge" entstammen seiner Feder. Darüber hinaus arrangierte er hervorragende Konzertwerke für Blasorchester und schrieb die Musik zu den legendären Grete-Fluss-Revuen. Er gilt zudem als Erfinder der modernen, schlagfertigen Sitzungskapelle im Karneval.

An Rosenmontag hatte Hannemann seinen Stammplatz an der Spitze der Prinzen-Garde. Im Jahr 1936 feierte er sein 50-jähriges Jubiläum als Musiker im Kölner Karneval. Zahlreiche Ehrungen wurden ihm zu Teil. So wurde er vom damaligen Präsidenten Thomas Liessem zum Ehrenmitglied des Festausschuss Kölner Karneval (heute Festkomitee) ernannt.

 

Fritz Hannemann

 

Rosenmontag 1928: Die Kapelle Fritz Hannemann als Regimentskapelle der Prinzen-Garde.

 

 

 

Auch die Kapelle von Hermann Schmidt erfreute sich nach dem Ersten Weltkrieg größter Beliebtheit. Die Kapelle übernahm viele Traditionen der ehemaligen Deutzer Kürassierkapelle. Aber auch Schmidt vervollständigte nun die Besetzung seines Orchesters durch ein großes Holzbläser-Register. In Anlehnung an Reinhold Fellenbergs Ehrentitel nannte man Schmidt vielerorts schlicht den "Trompeter vom Rhein".

Hermann Schmidt bekleidete seit 1922 die angesehene Position des Kapellmeisters der Roten Funken. Darüber hinaus spielte er mit seiner Kapelle für zahlreiche weitere Karnevalsgesellschaften. Im Sommer erfreute das Orchester als Bundeskapelle des Deutschen Radfahrerbundes die Besucher der alten Riehler Radrennbahn. Zum Neusser Schützenfest hatte die Kapelle einen Stammplatz an der Spitze des traditionsreichen Neusser Reitercorps. Auch schöpferisch war Hermann Schmidt tätig: Er komponierte u.a. die Präsentiermärsche der Roten Funken und der Ehrengarde sowie weitere Fest- und Büttenmärsche.

 

Hermann Schmidt in voller Pracht als Kapellmeister der Roten Funken auf dem Neumarkt, Rosenmontag 1933.

 

Hermann Schmidt mit seinen Musikern als Kapelle der Roten Funken, Rosenmontag 1928

 

 

Eine Neuheit war das Musikkorps des Kölner Garde-Vereins unter der Leitung von Friedrich Wilhelm Klein. Es hatte seinen ersten öffentlichen Auftritt am 22. März 1926 auf dem Rathausplatz, als Teil der Ehrenformation der Kölner Vereine und Innungen zum Empfang des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg durch den Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer. Markenzeichen der Kapelle waren vier Fanfarenbläser und ein Kesselpauker zu Pferd in den Uniformen der ehemaligen Garde-Kavallerie-Regimenter. Zum Karneval spielte die Kapelle stets an der Spitze der Blauen Funken.

Der Kesselpauker des Musikkorps war eine lokale Berühmtheit in Köln: Elo Wilhelm Sambo, geboren in der einstigen deutschen Kolonie Kamerun und vor dem Kriege Pauker bei den Potsdamer Leibgarde-Husaren. Nach dem Krieg holten ihn alte Kameraden nach Köln, wo er bis zu seinem Tode hoch zu Ross mit der Kapelle des Garde-Vereins alljährlich den Rosenmontagszug eröffnete. Im Gegensatz zu den anderen beiden Kapellen war das Musikkorps des Garde-Vereins in der Tradition der Kavalleriemusik besetzt, also ausschließlich mit Blechbläsern.

 

Das Musikkorps des Kölner Garde-Vereins im Jahr 1928.
Die Fanfarenbläser des Musikkorps des Kölner Garde-Vereins in den Uniformen der ehemaligen Garde-Kavallerie Regimenter der Alten Armee. An den Kesselpauken Elo Sambo, oben rechts Musikmeister Friedrich Wilhelm Klein.
Das Musikkorps des Garde-Vereins in Uniform der Blauen Funken, Rosenmontag 1927.
F. W. Klein als Kapellmeister der Blauen Funken.

 

Eine Reihe von Großereignissen sorgte in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre dafür, dass die Kölner Zivilkapellen zum nahezu allgegenwärtigen Teil des städtischen Gesellschaftslebens wurden. Im Jahr 1928 fand auf dem eigens neuerbauten Messegelände in Deutz die Internationale Presseausstellung statt. Die Ausstellung hatte von Mai bis Oktober geöffnet und die Kölner Musikkapellen gastierten dort mit mehreren Platzkonzerten.

Am 1. Juli 1928 wurde in der großen Messehalle am Tanzbrunnen der Bund der historischen deutschen Schützenbruderschaften proklamiert. Im Anschluss zogen 15.000 Schützen aus dem gesamten Rheinland und aus Westfalen im Festzug über die Hohenzollernbrücke und die Ringstraße. Nur drei Wochen später fand in Köln das 14. Deutsche Turnfest statt. Zum Abschluss zog abermals ein großer Festzug über die Ringe und Aachener Straße zum Stadion in Müngersdorf. Gegenüber der Ehrentribüne am Rudolfplatz spielte die Kapelle von Hermann Schmidt über 4 Stunden lang zum Vorbeimarsch von über 300.000 Turnern aus ganz Deutschland. Am 13. Oktober 1929 wurde schließlich die neuerbaute Mülheimer Brücke eingeweiht. Nach dem Festakt auf der Brücke marschierten die Fahnenabordnungen der Kölner Vereine und Innungen mit Musikbegleitung zurück nach Köln, wo sie im Gürzenich mit einem Festessen empfangen wurden.

 

Deutsches Turnerfest 1928. In der Platzmitte die Kapelle Hermann Schmidt (in dunklen Jacken)
Das Musikkorps des Kölner Garde-Vereins im Jahr 1929 auf dem Neusser Schützenfest.

 

Zum Ende des Jahres 1929 wurde Deutschland von der Weltwirtschaftskrise erfasst. Es war die schwerste wirtschaftliche Krise der Neuzeit, Millionen wurden arbeitslos. Bereits zum Rosenmontagszug 1930 waren die Musikkapellen deutlich in Größe und Umfang reduziert worden. In den Jahren 1931 und 1932 wurde der Zug dann aufgrund der allgemeinen wirtschaftlichen Schwierigkeiten sogar komplett abgesagt. Im Jahr 1931 organisierte die Stadtverwaltung die "Kölner Nothilfe", die Spenden sammelte um das wachsende Heer an Arbeitslosen und deren Familien mit Essen und dem Allernötigsten zu versorgen. Oberbürgermeister Konrad Adenauer bat hierzu Kapellmeister Fritz Hannemann um Mithilfe. Seine Kapelle spielte in den folgenden Monaten mehrfach im Rahmen der Nothilfe zu Platzkonzerten in der Kölner Innenstadt auf.

In den 1930er Jahren machte ein junger Trompeter zunehmend von sich reden: Christian Reuter. Geboren 1899 als Sohn eines Klavierbauers aus der Sternengasse, hatte er vor und nach dem Ersten Weltkrieg am alten Kölner Konservatorium in der Wolfsstraße studiert. Er galt als ausgezeichneter Trompeter und Pianist. Bereits als 15-jährigen hatte Fritz Hannemann ihn in seine Kapelle aufgenommen, wo er es bis zum ersten Trompeter brachte. Im Jahr 1929 hatte er den Marsch der Ehrengarde der Stadt Köln komponiert. Ab 1933 spielte Christian Reuter dann ebenfalls in der Kapelle von Hermann Schmidt, welche in den 1930er Jahren mittlerweile als beste Kölner Musikkapelle galt und avancierte dort zu Schmidts Stellvertreter.

Am 7. März 1936 besetzte die deutsche Wehrmacht entgegen den Bestimmungen des Versailler Vertrages das Rheinland und beendete damit die fast 20-jährige Phase der Entmilitarisierung. Das Nazi-Regime bediente sich der jahrhundertealten deutschen Militärmusiktradition, um diese nun in den Dienst ihrer Propaganda zu stellen. So mancher Blasmusiker fand sich in der Uniform einer der zahlreichen Parteigliederungen wieder. Ob dies nun aus innerer politischer Überzeugung oder eher aus persönlichen wirtschaftlichen Interessen geschah, lässt sich im Nachhinein kaum noch bestimmen. Fritz Hannemann gelang es, mit seiner Kapelle stets eine klare Distanz zum Nazi-Regime zu halten. Hermann Schmidt hingegen übernahm auch die Funktion des Kapellmeisters einer Parteiorganisation. Allerdings gab es bei ihm eine klare Trennung der Aufgabenbereiche: So spielte seine Kapelle beim Neusser Schützenfest oder auch bei Einsätzen im Rahmen der Kölner Tourismus-Werbung niemals in Parteiuniform, sondern behielt ihre alte Traditionsuniform. Und auch musikalisch erlaubte er sich so manche Freiheit, welche nicht ganz im Sinne des Regimes gewesen sein dürfte: So begrüßte er einmal, als seine Kapelle eine Ehrenformation stellen musste, einen ranghohen Parteiführer aus Berlin mit dem Karnevalsschlager "Jung dat häste joot jemaht!". Das schaulustige Publikum auf der Straße begann sogleich, sehr zum Verdruss des Parteioberen, mitzusingen und sogar zu schunkeln. Und während des Rosenmontagszuges erklang von Schmidts Musikern am Dom stets ein mächtiges "Tochter Zion".   

Am 6. August 1936 verstarb der große Kölner Sänger Willi Ostermann. Die Beerdigung fand vier Tage später statt. Nach den Exequien in St. Aposteln zog am Nachmittag des 10. August ein unüberschaubarer Trauerzug vom Neumarkt über die Mittel- und Aachener Straße nach Melaten. Der Musikverein "Ossian" und die Kapelle Fritz Hannemann begleiteten den populären Dichterkomponisten auf seinem letzten Weg. An seinem Grab erklang erstmals sein "Heimweh nach Köln", dessen Text er noch auf dem Sterbebett vollendet hatte.

 

1937 - 1970

Die Ära Christian Reuter

 

Im Jahr 1937 fand in Paris die Weltausstellung statt. Die Stadt Köln konnte sich dort, als einzige Stadt, mit einem eigenen Pavillon präsentieren. Der Kölner Pavillon war als eine Art größeres Hausboot auf der Seine angelegt und drohte beinahe neben Albert Speers vor Größenwahn strotzenden Deutschen Pavillon zu verschwinden. Im Pavillon selbst gab es neben den eigentlichen Ausstellungsräumen zur Kölner Stadtentwicklung auch ein großes Restaurant. Im Sommer 1937 reiste die Kapelle Hermann Schmidt nach Paris um auf der Weltausstellung ein vielbeachtetes Konzert zu geben. Darüber hinaus präsentierte man den Parisern und ihren internationalen Gästen einen typisch rheinischen Abend, zu dem die Kapelle ebenfalls aufspielte.

Allerdings war Hermann Schmidt zu diesem Zeitpunkt bereits sehr stark erkrankt, so dass er diesen unbestrittenen Höhepunkt in der Geschichte seines Orchesters nicht mehr selber leiten konnte. Daher übernahm sein Stellvertreter Christian Reuter das Dirigat bei allen Auftritten in Paris. Ein halbes Jahr später, im Januar 1938, verstarb Hermann Schmidt schließlich.

Kurze Zeit später, im Sommer 1938, verstarb auch Fritz Hannemann. Christian Reuter nutzte die Gelegenheit und vereinte beide Musikkapellen unter seiner Leitung zur nun führenden Kölner Musikkapelle. Als am 16. Februar 1939 im Herzen der Altstadt das neuerrichtete Denkmal für Willi Ostermann feierlich eingeweiht wurde, dirigierte Christian Reuter nun in der Uniform des Korpskapellmeisters der Prinzen-Garde seine Kapelle.
 

 

Weiberfastnacht 1939: Die Kapelle der Prinzen-Garde spielt unter der Leitung von Christian Reuter zur Enthüllung des Ostermann-Denkmals.

 

Noch im selben Jahr verhinderte der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges jede weitere Entwicklung. Während des Krieges wurde die Kapelle Christian Reuter bei musikalischen Werkspausen in großen Betrieben und an diversen Frontbühnen eingesetzt. Am Ende des vom Nazi-Regime entfesselten entsetzlichen Krieges existierte das alte Köln nicht mehr. Von der einst vielfach besungenen schönen Stadt waren nur Trümmer übrig geblieben, aus denen trotzig die Türme des unzerstörten Domes herausragten.

Christian Reuter gelang es, nach dem Krieg seine Kapelle zu reorganisieren. Als sich ab 1948 der Karneval wieder zaghaft regte, stellte Reuter erneut die Kapelle der Prinzen-Garde und auch jene der Ehrengarde. Nur an Rosenmontag spielte dort künftig das berittene Trompeterkorps des Husaren-Regiment 8 aus Paderborn unter dem dort bis heute unvergessenen Kapellmeister Hugo Gerlach.

Wie schwer der Wiederanfang nach dem Krieg war, zeigt eindrucksvoll das folgende Bild vom Rosenmontag 1949. Der eigentlich freudestiftende Zug bewegt sich durch eine triste Trümmerlandschaft. Im Hintergrund erkennt man die schwer beschädigte Basilika St. Gereon. Der Bombenkrieg hatte auch die Uniformkammer der Prinzen-Garde mitsamt dem schönen alten Schellenbaum vernichtet. Das Poller Schützentambourkorps vor der Musikkapelle ist nur äußerst notdürftig mit Uniformen ausgestattet. Der mitgeführte Schellenbaum ist jener der Kapelle Hermann Schmidt. Dieser hatte den Krieg unbeschadet überstanden und befindet sich noch heute im Besitz der Prinzen-Garde.

 

Rosenmontag 1949: Die Kapelle Christian Reuter und das Poller Schützentambourkorps an der Spitze der Prinzen-Garde.

 

Trotz aller Zerstörung musste und sollte es nach dem Krieg weitergehen. Am 8. Mai 1949 trafen sich die Mitglieder der Künstlervereinigung Muuzemändelcher zur Entschuttung des zerstörten Gürzenichs. Christian Reuter trommelte seine Musiker zusammen und spielte auf dem Platz vor dem Gürzenich zu einem spontanen Standkonzert auf. Sofort versammelte sich viel schaulustiges Volk. Die Muuzemändelcher nutzten die Gelegenheit um Geld für den guten Zweck zu sammeln und zogen im Anschluss mit der Kapelle Christian Reuter vom Gürzenich zum Ostermannbrunnen, um dort gemeinsam des verstorbenen Dichterkomponisten zu gedenken.

Da Christian Reuter mit seiner Kapelle weiterhin für die Prinzen-Garde spielte, wurde für die Roten Funken nach dem Krieg eine neue Kapelle aufgestellt. Diese stand unter der Leitung von Albert Bötel. Er war von 1914 bis 1919 der letzte Kapellmeister beim Musikkorps der 59er Feldartillerie gewesen. Zwischen den beiden Weltkriegen arbeitete er dann, ganz unmusikalisch, als Steuerinspektor in Köln. Trotz aller Widrigkeiten der Nachkriegszeit schaffte er es, für den ersten Rosenmontagszug eine komplett besetzte Kapelle aus  28  uniformierten Musikern zuzüglich Tambourzug und Schellenbaum auf die Straße zu bringen.

 

 

 

Albert Bötel als Kapellmeister der Roten Funken.

Im selben Jahr formierte Max Bause die ehemalige Kapelle des Kölner Garde-Vereins in traditioneller Schützentracht neu. Die Kapelle spielte auf zahlreichen Schützenfesten in Köln und im Umland. Als der Zentralverband der Schützen im Jahr 1952 ein großes Wertungsspiel in Bürrig veranstaltete, dem sich alle nennenswerten rheinischen Musikkapellen und Tambourkorps stellten, errang die Kapelle Max Bause dort einen der begehrten Titel und dürfte sich künftig "Bundesschützenkapelle Köln" nennen. Zum ersten Bundesfest, welches 1953 in Köln stattfand, oblag der Kapelle ein Großteil der musikalischen Gestaltung. So marschierte Max Bause mit seinen Musikern an der Spitze des großen Festzuges durch die Kölner Innenstadt und eröffnete die abschließende Parade auf der Zeughausstraße. Im Karneval übernahm Max Bause mit seinen Musikern  die traditionelle Stelle an der Spitze der Blauen Funken. Was die Besetzung anging, so übernahm er das Prinzip der Kavalleriebesetzung ohne Holzbläser.

 

Die Bundesschützenkapelle Köln unter Kapellmeister Max Bause während der Parade auf der Zeughausstraße aus Anlass des ersten Bundesfestes der historischen Deutschen Schützenbruderschaften in Köln am 5. Juli 1953.
Max Bause als alter Kavalleriemusiker persönlich an den Kesselpauken.
Die Bundesschützenkapelle als Musikkorps der Blauen Funken an Rosenmontag 1955. Die berittenen Musikkorps gab es bei allen Reiter-Korps des Kölner Karnevals noch bis Ende der 1960er Jahre.

 

Die führende Rolle unter den Kölner Musikkapellen spielte aber weiterhin die Kapelle Christian Reuter. Der Chronist Wolfgang Oelsner fasste es folgendermaßen zusammen: "In seinem Zenit wirkte Reuter um die Jahrhundertmitte als Musikerpersönlichkeit, die eine Brücke zwischen alter und neuer Zeit schlug. Als Nachfolger Hannemanns und Schmidts waren ihm sowohl die großen Blasmusikbesetzungen der Militärkapellen vertraut, ebenso die damals beliebten Salon-Orchester in den großen Café-Häusern. Im Blick nach vorn darf in Reuter einer der ersten großen Musikunternehmer gesehen werden. Das heisst, an einem Abend laufen in Kölner Sälen mehrere Besetzungen unter dem prominenten Namen. Der Chef zieht die Runde und schaut eine Halbzeit mal da, eine andere mal dort vorbei. Viele große Gesellschaften hatten in den ersten Nachkriegsjahren Reuter unter Vertrag, u.a. die Ehrengarde, die Prinzen-Garde, Große Kölner. Das Festkomitee engangierte ihn für die Prinzenproklamation im Williams-Bau und im Gürzenich und ehrte ihn als Hofkapellmeister Sr. Tollität. Als Kapellmeister verkörperte Reuter noch den alten Stil. Er stand seinen Musikern als Autorität mit dem Taktstock vor. Später, so erinnert sein langjähriger erster Trompeter Theo Zilleken, blies er auf dem Kornett Liedfragmente an, die blitzschnell einen Witz kommentierten. Eben jene kölsch-musikalische Spezialität, die heute allerorten kopiert wird. Trotz solcher Clous verstand sich Reuter weniger als Mann der Show denn als Musiker. Brillant war er als Begleiter am Piano. Sänger waren bei ihm stets gut aufgehoben. Es war die Zeit, wo noch nicht vom ersten Takt an mitgeklatscht werden musste."

 

Christian Reuter
An Rosenmontag hatte Christian Reuter, wie schon zuvor Fritz Hannemann, seinen Stammplatz an der Spitze der Prinzen-Garde.

 

Im Frühjahr 1955 verstarb der Kapellmeister der Bundesschützenkapelle, Max Bause. Die Leitung der Kapelle übernahm Hardy von den Driesch. Er war unmittelbar nach dem Krieg in die Kapelle von Max Bause eingetreten und dort als erster Trompeter tätig. Zeit seines Lebens lehnte er die Bezeichnung "Kapellmeister" ab und bevorzugte vielmehr den Titel "Stabstrompeter". Noch im selben Jahr gab Albert Bötel altersbedingt die Leitung seiner Kapelle auf und bot seine Geschäfte Hardy von den Driesch an.  Somit fungierte die Bundesschützenkapelle nun als Kapelle der Roten und der Blauen Funken. Bisher war die Kapelle der Roten Funken immer in klassischer Infantriebesetzung, also mit einem großen Klarinettenregister besetzt gewesen. Von den Driesch änderte dies nun und hielt am von Max Bause übernommenen Prinzip der reinen Blechbläserbesetzung fest. Nur bei der Tanz- und Saalkapellenformation wurde ein Saxophonregister hinzugefügt. Im folgenden Jahr spielte die Bundesschützenkapelle auch erstmals zum großen Schützenfest in Neuss. Dort bildete die Kapelle über mehrere Jahre hinweg die musikalische Spitze des Korps der Neusser Schützenlust.

 

Die Bundesschützenkapelle Köln unter der Leitung von Kapellmeister (Stabstrompeter) Hardy von den Driesch während der Königsparade des Neusser Schützenfestes 1956.
Hardy von den Driesch mit seinen Musikern auf der Bühne des Sartory.
Seit 1955 bekleidete Hardy von den Driesch die Position des Kapellmeisters (seit ihm des "Stabstrompeters") der Roten Funken.

 

Zum Ende der 1950er Jahren standen die Kölner Musikkapellen erneut im Zenit ihres Wirkens. Sie waren wieder ein nahezu allgegenwärtiger Bestandteil des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens der Stadt. Der Kölner Historiker und Chronist Hans Schmitt-Rost brachte es auf den Punkt:

"Eine Trööt ist in Köln jede Art von blechernem Musikinstrument. In dieser Stadt herrscht ein großer Bedarf an Trööten: bei den Karnevalssitzungen und im Rosenmontagszug, wenn ein besserer Mann begraben wird, bei Betriebsausflügen mit dem Rheindampfer, am 1. Mai, am Heiligen Abend, zu Schützenfesten und bei den Pfarrprozessionen. Immer muß geblasen werden. Die Trööt ist der Clou der Veranstaltung. Sie gibt Feuer und Kraft, teils feierlich, teils heroisch, teils sentimental. Geschmetterte Töne haben Glanz und Prunk, und nichts hört der Kölner lieber." 

 

 

Die 1960er Jahre waren gekennzeichnet von der zunehmenden Konkurrenz zwischen den beiden großen Kölner Musikkapellen von Christian Reuter und Hardy von den Driesch. Während Reuter weiterhin den alten Stil einer sinfonisch komplett besetzten Kapelle mit hohem musikalischen Anspruch pflegte, agierte von den Driesch oft pragmatischer was die Zusammenstellung seiner Besetzung anging. So wich er auch bei großen Besetzungen nicht vom Prinzip der Kavalleriebesetzung (also nur Blechbläser und Schlagzeuger) ab, was aber nicht immer den Geschmack seiner Auftraggeber traf. So beendete der Neusser Bürger-Schützen-Verein im Jahr 1968 zunächst seine Zusammenarbeit mit der Bundesschützenkapelle.

Eine besondere Anekdote ereignete sich am Rosenmontag des Jahres 1968: Gleich hinter der großen Ehrentribüne am Rathaus blieb der Festwagen von Bauer und Jungfrau mit einem Achsbruch liegen. Den beiden blieb nichts anderes übrig, als den Rosenmontagszug zu Fuß zu Ende zu bringen. Da unmittelbar hinter dem Festwagen Christian Reuter mit seiner Kapelle an der Spitze der Prinzen-Garde marschierte, übernahm die Jungfrau Hans Becker kurzerhand das Dirigat über die Kapelle und zog gemeinsam mit Christian Reuter bis zum Ende des Rosenmontagszuges.

 

Rosenmontag 1968, Christian Reuter führt gemeinsam mit Hans Becker seine Kapelle an.

1970 - 2006

Vorzeichenwechsel

 

Im Oktober 1970 verstarb Christian Reuter nach einem erfüllten Musikerleben, allerdings ohne einen geeigneten Nachfolger für die Übernahme seiner Kapelle gefunden zu haben. Sein erster Trompeter Hans Bally hatte eine Übernahme aufgrund seiner beruflichen Verpflichtung als Musiker beim Kölner Polizeimusikkorps abgelehnt. So übernahm zunächst Reuters Schwiegersohn Bert Heus, selbst bereits fast 60-jährig, die Leitung der Kapelle. Dadurch gelang es Reuters Konkurrenten Hardy von den Driesch mit seiner Kapelle einen Großteil der Verpflichtungen der Kapelle Reuter zu übernehmen. 

Somit ergab sich die kuriose Situation, dass sich nun alle Traditionskorps ein und die selbe Kapelle teilten. Darüber hinaus spielte von den Driesch auch noch für das Festkomitee und zahllose weitere Karnevalsgesellschaften. Ein alter Musiker berichtet, dass die Kapelle an den Wochenenden der Karnevals-Session mit bis zu 15 Besetzungen unterwegs war.  Zudem blieb die Kapelle im Sommer zunächst auch noch als Bundesschützenkapelle aktiv.

 

Nach dem Tod von Christian Reuter übernahm Hardy von den Driesch auch die Position des Kapellmeisters der Prinzen-Garde.
An Rosenmontag spielte die Kapelle stets an der Spitze des ältesten Kölner Korps, den Roten Funken, wie hier im Jahr 1972.
Im Sommer war die Kapelle weiterhin als Bundesschützenkapelle aktiv.

 

Doch schon wenige Jahre später, im Herbst 1979, verstarb auch Hardy von den Driesch nach einer schweren Erkrankung. Mit ihm endete die Ära der großen professionellen Zivilkapellen in Köln. Die Nachfolger hielten nicht länger an den traditionellen Besetzungsformen fest. Die Kapellen wandelten sich nach und nach zu reinen Big Bands und konzentrierten sich fast ausschließlich auf das Karnevalsgeschäft. Die bisherige Vielfalt in Repertoire und Auftreten ging dadurch größtenteils verloren. Daher formierte Hans Bally schließlich mit einigen ehemaligen Musikern der Kapelle Reuter doch noch ein eigenes Orchester.

Hans Bally, geboren 1921 in Köln-Mülheim, hatte im Alter von 8 Jahren von seinem Vater, welcher ein bekanntes Mülheimer Werksorchester leitete, seinen ersten Unterricht im Fach Trompete erhalten. Vier Jahre später spielte er bereits in verschiedenen Orchestern.  Seit 1940 war er erster Trompeter im Musikkorps der Kölner Polizei und im gleichen Orchester ab 1950 als erster Flügelhornist und Solo-Trompeter tätig. Zudem war er, wie schon erwähnt, viele Jahre erster Trompeter in der Kapelle von Christian Reuter gewesen. Unvergessen sind seine Soli in den Bravourstücken "Die Post im Walde" und "Die Teufelszunge". Mit seiner Kapelle spielte er in den 1980er und 1990er Jahren bei zahlreichen namhaften Karnevalsgesellschaften. Im Sommer war seine Kapelle gern gesehener Gast auf verschiedenen rheinischen Schützenfesten und auch die Pflege der traditionellen Kirchenmusik kam unter seiner Führung nie zu kurz. Ihm verdanken wir das wertvolle Notenarchiv unserer Kapelle, das er in mühevoller Arbeit restauriert und fortgeführt hat.

 

Hans Bally
Hans Bally mit seinen Musikern im Karneval des Jahres 1985.

2006 - heute

Mit neuen Köpfen ins neue Jahrtausend

 

Hans Bally verstarb im Frühjahr 2006. Nach seinem Tod übergab seine Witwe den gesamten Notenbestand in die Obhut von Stefan Alfter. Das Archiv umfasste große Teile des Notenbestandes der Kapelle Christian Reuter. So fanden sich in ihm die Werke von Fritz Hannemann und Hermann Schmidt im Original. Darüber hinaus enthielt es zahlreiche Werke des großen Kölner Arrangeurs und Komponisten Otto Zeh sowie wertvolle handgeschriebene Sätze von teilweise im Krieg verloren geglaubten Werken der großen Kölner Komponisten Reinhold Fellenberg und Heinrich Frantzen. Durch die freundliche Vermittlung der Kölner Brauchtumslegende Reinold Louis konnten schließlich weitere Bestände aus dem Nachlass Christian Reuters mit dem Archiv zusammengeführt werden. Aufgrund der Tatsache, dass die Kapelle das kulturelle Erbe gleich mehrerer alter Kölner Kapellen verwaltete und fortführte, aber auch in Erinnerung an die alte Kölner Stadt-Hautboisten-Banda, führte sie nun die Bezeichnung "Stadtkapelle Köln".

Der neue Kapellmeister konnte rasch zahlreiche junge Musiker für das Orchester gewinnen. Doch trotz des Generationswechsels sollten die Traditionen und der Stellenwert der alten Kölner Musikkapellen erhalten bleiben und künftig wieder ausgebaut werden. 

Bereits im Jahr 2007 wurde ein wichtiger Schritt in Richtung Zukunft unternommen: Es wurde der Grundstein für die Jugendarbeit der Stadtkapelle gelegt, da nur eine vernünftige Ausbildung von Nachwuchsmusikern den Bestand der Blasmusik in Köln sichern kann. Den Anfang machte eine Bläserklasse an einer Kölner Grundschule. Mittlerweile organisiert und unterstützt die Stadtkapelle den Musikunterricht an Schulen im gesamten Stadtgebiet mit über 20 Bläserklassen und 4 Jugendorchestern.  

Am 8. Oktober 2011 beschloss das Präsidium des Bundes der historischen deutschen Schützenbruderschaften den Ehrentitel "Bundesschützenkapelle Köln" für die Stadtkapelle Köln zu bestätigen. Die Überreichung der Ernennungsurkunde erfolgte am 16. September 2012 auf dem Bundesfest in Hürth-Hermülheim. Wie schon knapp 60 Jahre zuvor, marschierte die Kölner Bundesschützenkapelle an der Spitze des großen Festzuges und eröffnete die abschließende Parade vor dem Bundeskönig und den Ehrengästen.

 

Die Bundesschützenkapelle Köln mit Kapellmeister Stefan Alfter beim Abmarsch vom Neusser Markt während der Königsparade des Neusser Schützenfestes. Das Foto entstand an exakt der selben Stelle wie jenes von 1956.

 

Im Karneval spielte die Kapelle in den folgenden Jahren bei verschiedenen Gesellschaften, u.a. bei der Nippeser Bürgerwehr und den Roten Funken. Von 2010 bis 2014 stellte die Stadtkapelle die Korpskapelle des Reiter-Korps "Jan von Werth". Hierbei begleiteten die Musiker alle Auftritte des Korps in großer Uniform und spielten zudem als Saalkapelle bei allen Sitzungen der Gesellschaft. Alljährlicher Höhepunkt war neben dem Rosenmontagszug das historische Jan-und-Griet-Spielan Weiberfastnacht auf dem Chlodwigplatz. Die Trompeter der Stadtkapelle spielten hierzu von der Balustrade der Severinstorburg historische Trompetensignale nach Art der Heroldstrompeter des 30-jährigen Krieges.

 

Die Stadtkapelle als Kapelle des Reiter-Korps "Jan von Werth" im Rosenmontagszug 2012.

Die Kapelle begleitete sowohl das Korps bei seinen Aufzügen... 

... als auch als Saalkapelle die Sitzungen der Gesellschaft.

 

Im Jahr 2013 wurde Sven-Christian Kinne zum künstlerischen Direktor der Stadtkapelle Köln berufen. Er war bereits seit 2007 als erster Trompeter bei der Stadtkapelle tätig und von nun an als künstlerischer Leiter für die Orchesterproben und die Leitung der Kapelle bei konzertanten Einsätzen verantwortlich.

Aus Anlass des von Papst Franziskus ausgerufenen heiligen Jahres 2016 nahm Kapellmeister Stefan Alfter als Repräsentant der Bundesschützenmusik an der Rom-Wallfahrt des Bundesvorstandes der historischen deutschen Schützenbruderschaften teil. Höhepunkte dieser Reise waren eine Papst-Audienz auf dem Petersplatz und der Besuch des Petrusgrabes in den Katakomben des Petersdoms.

 

Kapellmeister Stefan Alfter mit dem Bundesschützenmeister und dem Bundesgeschäftsführer während der Papst-Audienz auf dem Petersplatz in Rom.

 

Nachdem es gelungen war, den größten Teil des alten Notenarchives wieder zu vereinen, wurde sehr schnell klar welch einen bedeutenden kulturellen Schatz dieses Archiv darstellte. Es umfasste über 500 Werke von Kölner Komponisten und Kapellmeistern. Eine Fülle, welche im Rahmen der Tätigkeit als Kapelle eines Traditionskorps überhaupt nicht dargestellt werden konnte. Daher entschied man sich, künftig neue Wege zu gehen, um so die im Notenarchiv vorhandenen Titel in einem entsprechenden und angemessenen Rahmen präsentieren zu können. Schließlich handelt es sich bei diesen Werken um Kompositionen und Arrangements erster Güteklasse, wie sie heute kaum noch zu finden sind. Diese im Karneval ewig populären und qualitativ anspruchsvollen Werke sollten dem Publikum nun wieder zugänglich gemacht werden.

Gleichzeitig erhielten die Musiker der Stadtkapelle neue Uniformen. Die traditionellen grünen Schützenuniformen wurden in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts zunehmend als anachronistisch empfunden und daher durch eine etwas ziviliere aber nicht minder elegante Kleidung ersetzt. 

Am 25. März 2017 wurde der Stadt- und Bundesschützenkapelle Köln in Erinnerung an die gemeinsame Romwallfahrt im vorangegangenen heiligen Jahr 2016 vom Bund der historischen deutschen Schützenbruderschaften das Anno-Santo-Kreuz verliehen. Die Verleihung fand im Rahmen einer heiligen Messe in St. Maria in der Kupfergasse statt, welche von der Kapelle in feierlicher Form musikalisch gestaltet wurde.

 

Verleihung des Anno-Santo-Kreuz am 25. März 2017 in St. Maria in der Kupfergasse

 

 

 

Heute sieht sich die Stadtkapelle Köln mehr denn je als Repräsentant einer über 300-jährigen Tradition der Blasmusik in unserer Stadt. Im Karneval pflegen wir das große kulturelle Erbe der traditionellen kölschen Musik. Im Sommer ist die Kapelle als Bundesschützenkapelle des Bundes der historischen Schützenbruderschaften wieder fester Bestandteil der großen Brauchtumsfeste in der Region rund um Köln. Und schließlich hilft eine breit angelegte Jugendarbeit den langfristigen Bestand der Kapelle für die Zukunft zu sichern.

 

 

Die Stadtkapelle Köln in der Kölner Philharmonie.

 

 

 

 

Quellen:     

 

Heinz Oepen - Beiträge zur Geschichte des Kölner Musiklebens 1760-1840

Ursel Niemöller - Carl Rosier, Kölner Dom- und Ratskapellmeister

Klaus Wolfgang Niemöller - Kirchenmusik und reichsstädtische Musikpflege im Köln des 18. Jahrhunderts

Emil Kuhnen - Hundert Jahre Kölner Karneval

Paul Mies - Das kölnische Volks- und Karnevalslied von 1823-1923

Klaus Schlegel - Militärmusik in Köln

Klaus Schlegel - Kölner und Düsseldorfer Militärkapellmeister und ihr Einfluss auf den Karneval

Wolfgang Oelsner - Der Ehrengarde-Marsch, ein musikalisches Markenzeichen und seine Schöpfer

Markus Leifeld - Der Kölner Karneval in der Zeit des Nationalsozialismus

sowie zahlreiche private Archive und mündliche Überlieferungen von Zeitzeugen, ehemaligen Musikern, Schützenbrüdern und Karnevalisten.

 

Besonderer Dank gilt:

 

Herrn Peter von den Driesch

Frau Marianne Bally

Herrn Reinold Louis

Rheinisches Schützenmuseum Neuss

Joseph-Lange-Schützenarchiv, Herrn Dr. Christian Frommert

Archiv der Adlerschützen Zollstock, Herrn Dieter Jansen

Archiv der St. Sebastianus Schützenbruderschaft Nippes

Herrn Günter Krosse & Herrn Dieter Wolf

 

 

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