1972 - 2006

Hans Bally und das Erbe der kölschen Blasmusik

 

 

Im Jahr 1972 formierte Hans Bally mit einer Hand voll ehemaliger Musiker der Kapelle Reuter schließlich doch noch ein eigenes Orchester. Hans Bally war über 20 Jahre lang erster Trompeter und Korpsführer in der Kapelle von Christian Reuter gewesen. Geboren im Jahr 1921 in Köln-Mülheim, hatte Bally im Alter von 8 Jahren von seinem Vater, welcher ein bekanntes Mülheimer Werksorchester leitete, seinen ersten Unterricht im Fach Trompete erhalten. Vier Jahre später spielte er bereits in verschiedenen Orchestern. Mit 16 Jahren hatte Hans Bally seinen ersten großen Auftritt als Solist im Gürzenich. Ab 1940 war er als erster Trompeter im Musikkorps der Kölner Polizei angestellt und im gleichen Orchester ab 1950 als erster Flügelhornist und Solo-Trompeter tätig. Unvergessen sind seine Soli in den Bravourstücken "Die Post im Walde" und "Die Teufelszunge".

 

Die Kapelle Hans Bally spielte ab 1972 bei vielen namhaften Karnevalsgesellschaften in Köln und Umgebung, im Gürzenich ebenso wie in der Bonner Beethovenhalle. Im Sommer war die Kapelle gern gesehener Gast auf verschiedenen rheinischen Schützenfesten, wobei das Schützenfest in Bonn-Oberkassel besonders hervorzuheben ist. Schließlich kam auch die Pflege der Kirchenmusik unter seiner Führung nie zu kurz.

 

 

Hans Bally

 

 

Der tiefgreifende gesellschaftliche Wandel der 1970er Jahre erreichte schließlich auch die Musik des Kölner Karnevals. Die Krätzchensänger, die seit Jahrzehnten das musikalische Geschehen auf den Karnevalsbühnen bestimmt hatten, wurden nun von modernen Musikgruppen und Karnevals-Bands abgelöst. Die traditionellen Blasmusikkapellen, die zwar weiterhin Bestandteil jeder Karnevalssitzung blieben, verloren dadurch aber an Präsenz und wurden gefühlt etwas weiter an den Bühnenrand gedrängt. Viele Kapellmeister reagierten mit einem Umbau der Besetzung, weg von der traditionellen Blasmusik, hin zur moderneren "Big Band". Durch den Wegfall der Klarinettenregister sowie der Tenorhorn/Bariton-Sektion konnten diese Bands aber viele der bisherigen Arrangements nicht mehr aufführen.

Hans Bally erkannte diesen Epochenwechsel. Er setzte sich fortan besonders für den Erhalt der im Notenarchiv gesammelten hervorragenden Blasmusik-Arrangements ein und sprang ganz bewusst nicht auf den Modezug der Big Bands auf. Hans Bally blieb der traditionellen Blasmusik treu und hielt an den klassischen Besetzungsformen fest. Allerdings war die Zeit der großen Blasorchester-Besetzungen von bis zu 40 Musikern vorläufig vorbei und Bally verkleinerte daher den Umfang seines Orchesters auf die Größe von 15 bis 18 Musiker. Aber er war entschlossen, die Tradition der kölschen Blasmusik fortzusetzen.

Personell zeichnete sich die Kapelle Hans Bally, wie schon ihre Vorgänger, durch einen hohen Grad an Professionalität aus. Seine Musiker stammten zum einem Großteil aus dem Kölner Polizei-Musikkorps, in dem Hans Bally selber über Jahrzehnte angestellt war. Als Solo-Trompeter stand Bally dabei in der Regel am linken Flügel der Formation und fiel stets durch seine kerzengerade Körperhaltung auf. Hans Bally war Polizei-Beamter durch und durch. Das Orchester war in der Arnoldshöher Polizeikaserne untergebracht und musizierte neben dem großen alljährlichen Polizeisportfest und dem Sechstagerennen in der Deutzer Sporthalle auch regelmäßig zu den Renntagen auf der Weidenpescher Galopprennbahn, sowie zu allerhand öffentlichen Veranstaltungen von der Osterkirmes bis hin zum Weihnachtsmarkt.

 

 

 

Hans Bally als Musiker im Kölner Polizei-Musikkorps, immer am linken Flügel und stets in kerzengerader Körperhaltung.

 

 

 

 

Darüber hinaus engagierte Hans Bally auch gerne die hervorragend ausgebildeten Musiker der Musikkapelle des 1. Belgischen Korps, die über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten ihre Heimat in der Ossendorfer Kaserne hatten und regelmäßig im Kölner Orchesterbetrieb mitspielten und aushalfen. Diese belgische Militärkapelle setzte sich aus 40 Musikern und einem 12-köpfigen Tambour- und Trompeterkorps zusammen. Die Kapelle stand unter der Leitung der Kapellmeister Gaston Devenijns (1951-1957), Yvon Ducêne (1957-1960), Mario Carion (1961-1973) Jacques Watesse (1973/74) und André Vergauwen (1974-1976). Im Jahr 1977 übernahm vorübergehend Unterkapellmeister Jean-Marie Cornez, der vielen Kölnern auch als hervorragender Organist in Erinnerung geblieben ist, die Leitung der Kapelle. Ihm folgten schließlich die Kapellmeister Nobert Nozy und Eduard Geeraerts.

 

Im Jahr 1978 erhielten die belgischen Musiker eine neue Gala-Uniform. Diese bestand aus einem marineblauen Rock mit scharlachroten Aufschlägen und Paspelierungen, dazu eine Schirmmütze und Hosen mit ebenso scharlachroten Streifen. Die neue Gala-Uniform gab den Musikern ein äußerst elegantes Erscheinungsbild. Auch wenn öffentliche Auftritte eher selten waren, denn die Kapelle war in erster Linie für die Betreuung der in Deutschland stationierten belgischen Streitkräfte zuständig, so pflegten die Musiker doch eine enge und herzliche Beziehung zu ihrer Garnisonsstadt Köln. Kapellmeister Jacques Watesse widmete dem Standort sogar einen eigenen Marsch mit dem Titel: "Marche Junkersdorf".

 

 

 

Die Musikkapelle des 1. Belgischen Korps mit Kapellmeister Eduard Geeraerts, Unterkapellmeister Jean-Marie Cornez und Tambourmajor Eddy van de Wal im Jahr 1985 am Deutzer Rheinufer.

 

 

 

In den 1980er Jahren bestand in Köln ein weiteres, professionell aufgestelltes ziviles Blasorchester: Die Kölner Musikanten. Die Leitung hatte Werner Brock, ein studierter Schlagzeuger und Cellist. Er hatte unmittelbar nach dem Krieg im Orchester von Fritz Weber (in Köln bekannt als der singende Geiger) angefangen und wechselte später als Schlagzeuger ins WDR-Unterhaltungsorchester. Bereits im Jahr 1967 hatte Werner Brock mit den Kölner Musikanten eine eigene Kapelle gegründet. Hierbei handelte es sich zunächst um eine kleine, eher volkstümlich orientierte Blaskapelle für die Brock mehrere Volksmusik-Suiten über verschiedene rheinische und westfälische Landschaften komponiert hatte.

 

Die Kölner Musikanten waren keine dauerhafte Einrichtung. Es handelte sich vielmehr um ein Projektorchester, das Werner Brock je nach Anlass aus professionellen Musikern zusammenstellte. Im Jahr 1981 spielte er mit den Kölner Musikanten die von ihm komponierte "Kölsche Mess für Urjel, Trööt un Trumm" auf Schallplatte ein. Diese Messe war zuvor während eines Pontifikalamtes zum 100-jährigen Jubiläum der Großen Kölner Karnevalsgesellschaft in der Basilika St. Aposteln aufgeführt worden.

In der Folgezeit erweiterte Werner Brock die Kölner Musikanten zu einem 25-köpfigen, komplett besetzten Blasorchester. Der Großteil seiner Musiker stammte aus dem WDR-Unterhaltungsorchester. Aufgrund der professionellen Struktur seiner Kapelle gelang es ihm, einen Klangkörper von höchster musikalischer Qualität zu schaffen, mit dem sich Brock auch immer mehr der Musik des Kölner Karnevals zuwandte. Die Kölner Musikanten spielten die Klassiker von Willi Ostermann ebenso wie die Märsche der Kölner Traditionskorps. Im Jahr 1984 wurde sogar ein alter Büttenmarsch von Reinhold Fellenberg eingespielt. Ein Jahr später folgte im Auftrag der Großen Kölner Karnevalsgesellschaft und des Westdeutschen Rundfunks eine Doppel-LP mit historischen Karnevalsmärschen und Liedern von Fritz Hannemann und Heinrich Frantzen. Auch die einst von Paul Lincke komponierten Büttenmärsche aus der Kaiserzeit wurden nun wieder gespielt.

 

 

 

Insgesamt komponierte und arrangierte Werner Brock über 300 Werke für Blasorchester. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahren avancierte er mit seinen Musikern schließlich zum inoffiziellen Blasorchester des Westdeutschen Rundfunks. Künstlerischer Direktor des Ensembles war Heinz Geese, der Dirigent des WDR-Unterhaltungsorchesters. Unter seiner Leitung konnte man die Kapelle jedes Jahr zur Sessionseröffnung am 11.11. im Funkhaus am Wallrafplatz mit hervorragender Blasmusik erleben, welche im Rundfunk und später auch im Fernsehen live übertragen wurde. Die Musik und die Struktur dieses Orchesters inspirierte eine Gruppe junger Musiker, die zu jener Zeit ihre ersten Schritte im Kölner Karneval unternahmen.

Dies geschah auch durch eine andere Veranstaltung, die an die Tradition der Wieprecht- und Sousa-Konzerte anknüpfte: Ab 1986 trat die Königliche Musikkapelle der belgischen Gidsen aus Brüssel regelmäßig zu Konzerten in der neu eröffneten Philharmonie auf. Die Kapelle der Gidsen zählt bis heute zu den besten sinfonischen Blasorchestern der Welt. Die Gala-Konzerte der Gidsen fanden bis 1994 jährlich statt und begeisterten das Kölner Publikum mit einer eklektischen Mischung aus konzertanter Blasmusik verschiedener Epochen, vorgetragen von hervorragenden Virtuosen und Solisten.

Anfang der 1990er Jahre herrschte bedingt durch die deutsche Wiedervereinigung eine allseits spürbare Aufbruchstimmung. Im nun vereinigten Europa bildete sich gleichzeitig eine breite Sehnsucht nach regionaler Identität. Dies führte dazu, dass viele alte Traditionen und Volksfeste wieder mit neuem Leben gefüllt wurden. Zum Münchner Oktoberfest kamen die Trachtengewänder wieder in Mode und zur gleichen Zeit verspürten auch die Traditionskorps des Kölner Karnevals einen verstärkten Zulauf vor allem jüngerer Interessenten, wodurch deren Musikeinheiten ebenfalls deutlich gestärkt wurden. Besonders die kleineren Korps ergänzten ihre Tambourzüge nun auch wieder durch eine Blaskapelle.

Hans Bally hat mit seinen treuen Musikern trotz dieser bewegten Zeiten über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten Kurs gehalten und wechselnden Moden sowie dem vermeintlichen Zeitgeist getrotzt. Seine beliebte Kapelle trat weiterhin zu Konzerten, Karnevalssitzungen, Schützenfesten und kirchlichen Anlässen auf. Hans Bally spielte in den großen Kölner Sälen, in Biergärten, Festzelten ebenso wie zu St. Martinszügen oder auf dem Weihnachtsmarkt.

Seine größte Leistung ist jedoch die Pflege und der Erhalt des Notenarchivs. In mühevoller Kleinarbeit restaurierte er hunderte von Notensätzen und hat dabei oft ganze Nächte in seiner Deutzer Wohnung durchgearbeitet. Dadurch wurden die Werke der großen Kölner Karnevalskomponisten des 19. und 20. Jahrhunderts für die Nachwelt erhalten. Ihm verdanken wir den Bestand des wertvollen Notenarchivs unserer Kapelle.

 

 

 

Kapellmeister Hans Bally im Jahr 1989
Die Kapelle Hans Bally als Sitzungskapelle im Kölner Karneval...
... oder im Sommer bei einem Schützenfest.
Auf dem Podium jeder Zentimeter ein Gentleman: Hans Bally mit seinen Musikern in der Kölner Flora.
Auch mit über 70 Jahren stand Hans Bally seiner Kapelle noch vor.

 

 

Hans Bally leitete seine Kapelle bis ins hohe Alter. Auch mit über 70 Jahren stand er seinen Musikern noch vor. Zur Mitte der 1990er Jahre entschied er aber, die Strapazen der Marschmusik künftig nicht mehr auf sich zu nehmen. Daher gab die Kapelle ihre Schützenfest-Verpflichtungen auf, was besonders in Bonn-Oberkassel, wo die Kapelle Hans Bally über 20 Jahre aufgespielt hatte und sich größter Beliebtheit erfreute, mit großem Bedauern aufgenommen wurde. Auf den Karnevalssitzungen in und um Köln war die Kapelle aber weiterhin ein verlässlicher und gewissenhafter Begleiter der auftretenden Künstler, Sänger, Redner und Tänzer und genoss daher ein allgemein hohes Ansehen.

 

In der zweiten Hälfte der 1990er Jahren bekam die Blasmusik ausgehend von den Beneluxländern schließlich völlig neue Impulse. Eine neue Generation von Musikern hatte junge Komponisten hervorgebracht, die nun eine neue, von der konzertanten Musik geprägte Art der Blasmusik schufen. Gleichzeitig wurden gänzlich neue Methoden zur Blasmusik-Ausbildung entwickelt. So stellte die Einführung der Bläserklassen einen Quantensprung auf dem Gebiet der Jugendausbildung dar. Zur Jahrtausendwende stand eine neue Generation von Musikern bereit, um das Erbe der Kölner Musikkapellen zu übernehmen.

 

 

 

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© Stadtkapelle Köln - Kölner Blasorchester 1893