1871 - 1888

Alla Marcia -

Wie die Preußen den Kölner Karneval eroberten

 

 

Zu Beginn der 1870er Jahre setzte ein Wandel im Verhältnis der Kölner Bevölkerung zur preußischen Obrigkeit ein. Durch die Reichsgründung waren die Kölner nun formell Untertanen des Deutschen Kaisers geworden und die preußische Armee wurde zu einem Teil des "Reichsheeres", wodurch die Preußen im Rheinland fortan weniger als Besatzer wahrgenommen wurden. Im neu aufgestellten Kölner Hausregiment Nr. 65 dienten sogar soviele Kölner, dass es allgemein als "Regiment Schmitz" bekannt wurde. Gleichzeitig hielt eine neue Musikform Einzug in den Kölner Karneval: Der Marsch. Denn die Änderung der politischen und soziologischen Umstände hatte dazu geführt, dass auch der Karneval nun in nähere Verbindung mit den militärischen Stellen rückte. Die Karnevalsgesellschaften erhofften sich dadurch nicht nur weitere Unterstützung für den Rosenmontagszug, sie suchten und fanden in den Beziehungen zu den Offizierskorps der Kölner Regimenter auch ein gewisses soziales Dekor. Der Kölner Historiker Joseph Klersch führte hierzu aus: "Besonders eng und fruchtbar wurde diese Verbindung auf musikalischen Gebiet. Die Musikmeister und Stabstrompeter der Kölner Stammregimenter, nun auch geschäftlich in den Karneval einbezogen, beteiligten sich in zunehmendem Maße als Komponisten von Karnevals-Bütten-Märschen, in denen sie kölnischen Humor und militärischen Schneid oft in glücklicher Weise zu verbinden wußten. Seit dem Ende der 1870er Jahre entwickelte sich aus dem Trio des Marsches das Refrain-Lied, das neben dem Walzerlied für die Karnevals-Musik bestimmend wurde."

Neben den bereits erwähnten Kapellmeistern Laudenbach und Lüttich fielen besonders Robert Zerbe und Gustav Petrowsky durch populäre Karnevalskompositionen auf. Zerbe leitete seit ihrer Gründung die Kapelle des "Regiments Schmitz", während Petrowsky das berittene Musikkorps der Deutzer Kürassiere dirigierte. Klaus Schlegel berichtete über die Kapellmeister jener Epoche: "Alle vier komponierten Oratorien, Märsche und Karnevalsweisen, traten auch mit den zahlreichen Kölner Männer-Gesangvereinen zusammen auf, sie musizierten Jahrzehnte in Köln und erfreuten sich einer kaum zu beschreibenden Beliebtheit. Die Regimentskommandeure wechseln alle paar Jahre; die kennt das breite Publikum vielfach nur dem Namen nach aus der Zeitung oder von einer Neumarkt-Parade, aber die Musikmeister, die kennt jedes Kind, jeder Fastelovendsjeck, arm und reich, jung und alt!"

Robert Zerbe war der erste preußische Musikmeister, der schöpferisch Eingang in den Kölner Karneval fand. "Ihn verband eine tiefe Freundschaft mit dem Kölner Volksdichter Joseph Roesberg. Wenn der eines seiner kölschen Lieder gedichtet hatte, sang er die Idee der Melodie seinem Freund Zerbe vor, der das Thema dann ausspann und in Noten setzte. Ein urkölscher Zivilist, der nie gedient hatte, und der schlesische königl. preuß. Musikmeister schufen die Melodien zum "Schmitze Nettche" und zum "Schnüsse Tring", Melodien, die einstens begeisterten und auch heute noch nicht vergessen sind. Vornehmlich im Stadtgarten und im großen Saal des Hotel Disch gab es die Zerbe-Konzerte", so Klaus Schlegel. 1868 hieß es in einer Vorankündigung in der Zeitung: "Nach Beendigung der Sitzung der Großen Carnevals-Gesellschaft, großes humoristisch-carnevalsitisches Instrumental-Concert der gesamten Kapelle des Kgl. 65. Inf.-Rgts. unter ihrem Director Robert Zerbe."

 

 

 

 

 

Zu jener Zeit waren in der Garnison Köln, zu der auch die damals noch selbstständige Stadt Mülheim gehörte, mittlerweile acht preußische Militärkapellen stationiert:

- Infanterie-Regiment 16 in Mülheim

- Infanterie-Regiment 53 in Kalk

- Infanterie-Regiment 65 in Riehl (Boltensternstr.)

- Pionier-Batallion 7 und Pionier-Batallion 24 in Riehl (Boltensternstr.)

- Bergisches Feldartillerie-Regiment 59 in Riehl (Barbarastr.)

- Artillerie-Regiment 7 am Zugweg (später Arnoldshöhe)

- Kürassier-Regiment 8 in Deutz

 

Jeden Mittwoch fand zur Mittagszeit ein Platzkonzert auf dem Neumarkt statt. Wenn um Glockenschlag 12:00 Uhr die Musiker die Instrumente ansetzten und die Musik erklang, sagten die Kölner: "Da wird die Woche geteilt." Darüber hinaus konzertierten die Militärkapellen im Stadt- und im Volksgarten, im Zoologischen Garten, im Saal der Bürgergesellschaft am Appellhofplatz oder in jenem der Lesegesellschaft an der Langgasse. Der Chronist Klaus Schlegel berichtete weiterhin von einem interessanten Detail: "Übrigens spielte man im Gürzenich, im Zoo oder in der Lese bei den klassischen Konzerten fast immer in Zivil. Hier fühlten sich die Hautboisten als Künstler, und der Kapellmeister erschien im Gehrock". Davon, dass sich viele Militärmusiker nicht nur als Soldaten sondern eben auch als Künstler verstanden, zeugt ein weiterer Umstand: So gehörten drei der Militärkapellmeister, nämlich Wilhelm Trenks (7. Artill.), Willy Beez (16er) und Max Granzow (53er) über 20 Jahre lang auch als Violinisten dem renommierten Kölner Gürzenich-Orchester an.

Zum Karneval tauschten die Militärmusiker nun regelmäßig ihre preußisch-blauen Uniformen gegen die Uniformen der mittlerweile gegründeten Kölner Karnevalskorps. Die Roten Funken hatten schon seit 1823 am Rosenmontagszug teilgenommen, wo sie die Stadtsoldaten der einst freien Reichsstadt Köln verkörperten und eine Persiflage auf das preußische Militär darstellten. Ursprünglich nur von Tambours begleitet, erhielten die Funken ab ca. 1870 wieder eine eigene Regimentsmusik. Hierzu wurde eine der Militärkapellen engagiert. So erhielten die so betont unpreußischen Funken nun ausgerechnet eine preußische Musikkapelle. Immerhin entschied man sich für die Musik des ältesten in Köln stationierten Regimentes, das Hacketäuer-Musikkorps des Infanterie Regiment No. 16. Bis 1882 stand diese Kapelle unter der Leitung von Eduard Lüttich. Danach folgte ihm als Kapellmeister sein Schwiegersohn Wilhelm Beez, in Köln bekannt als der "schöne Willy". 

Im Gegensatz zu den historischen Regiments-Hautboisten der Kölner Stadtsoldaten trugen die Funken-Musiker nun keinen Dreispitz mehr, sondern erhielten die für die Funken typischen österreichischen Grenadiermützen. Diese unterscheiden die Funken bis zum heutigen Tag von den übrigen Kölner Traditionskorps, welche messing-beschlagene preußische Grenadiermützen tragen. Aufgrund der ausgezeichneten Qualität der Kapelle der 16er machte in Köln schnell ein geflügeltes Wort die Runde: "Das einzig wirklich militärische an den Funken ist - ihre Musik!". 

 

 

 

Eduard Lüttich als Kapellmeister der Roten Funken, ca. 1880
Die Kapelle der Roten Funken mit Kapellmeister Wilhelm Beez, dem "schönen Willy", ca. 1890. Die Musiker tragen nun die für die Funken typischen österreichischen Grenadiermützen.

 

 

Bei der 1870 gegründeten Funken-Artillerie, den Blauen Funken, spielte passenderweise die Kapelle der Feldartillerie. Der etwas später aufgestellten Ehrengarde ritt das auswärtige Trompeterkorps eines hessischen Trainbatallions voran, dessen Kapellmeister Friedrich-Wilhelm "Willy" Klein aber gebürtiger Kölner und aktiver Ehrengardist war. Die Spielleute und das Musikkorps des Kölner Hausregimentes Nr. 65, nun unter der Leitung von Obermusikmeister Emil Lattermann, einem Schüler Wilhelm Wieprechts, spielten seit ihrer Aufstellung für die Prinzen-Garde. Auf der prominentesten Position, unmittelbar vor dem Prinzenwagen spielte bereits seit 1870er Jahren das populärste Kölner Musikkorps: Das berittene Trompeterkorps der Deutzer Kürassiere.

Die Kapelle der Deutzer Kürassiere, aufgrund ihrer weißen Uniformen von den Kölnern "Mählsäck" genannt, nahm den Spitzenplatz unter den Kölner Militärkapellen ein. Über zwanzig Jahre lang, bis 1888 stand die Kapelle unter der Leitung von Musikmeister Gustav Petrowsky, einem gebürtigen Pommern, der in Köln heimisch geworden war. Petrowsky überflügelte bald Robert Zerbes schöpferischen Erfolg im Kölner Karneval. So widmete er der Großen Karnevalsgesellschaft in jedem Jahr einen neuen Büttenmarsch. Ebenso ehrte er populäre Präsidenten und karnevalistische Würdenträger mit eigens komponierten Märschen und Liedern. Seine bekanntesten Marschkompositionen tragen Titel wie "Alaaf Köln", "Prinz Carneval" oder "Carnevalistischer Bacchus-Marsch".

 

 

 

Die Deutzer Kürassierkapelle mit ihrem Kapellmeister Gustav Petrowsky im Jahr 1881.

 

 

Auch nach seiner Pensionierung blieb Petrowsky in Köln, wo er schließlich im Jahr 1896 starb. Die Kölnische Zeitung würdigte ihn damals mit den Worten: "Bei allen Festen, namentlich im Karneval, war Petrowsky mit seiner Kapelle vielbegehrt und gefeiert. Des chevaleresken Kapellmeisters stets vergnügtes Gesicht und seine verbindlichen Umgangsformen haben ihn zu einer überaus populären Figur in Köln gemacht." Nachfolger von Gustav Pertowsky wurde ein junger Kapellmeister namens Reinhold Fellenberg. Die goldene Ära der Kölner Blasmusik stand vor der Tür.

 

 

 

 

1888 - 1893

Auftakt zu einer neuen Ära

 

 

Im Jahr 1888, dem sogenannten "Drei-Kaiser-Jahr", übernahm Reinhold Fellenberg die Leitung über die populärste Kölner Militärkapelle jener Zeit, das Trompeterkorps der Deutzer Kürassiere. Typischerweise stammte auch dieser preußische Kapellmeister nicht aus Köln. Fellenberg war gebürtiger Schlesier. Sein Instrument war das Piston, auf dem er als international anerkannter Virtuose galt. Ein Zeitzeuge berichtete: "Nahm Fellenberg das Piston in die Hand, dann war alles Ohr, das begeisterte Publikum wurde nicht müde, dem beliebten Stabstrompeter, dessen kräftige Gestalt mit wallendem Vollbart etwas Imponierendes hatte, zuzuhören. Seine Kapelle hatte er vorzüglich geschult." Die Kürassierkapelle konzertierte regelmäßig im Stadtgarten und im Zoologischen Garten, im Saal der Bürgergesellschaft und in der Flora, ferner auch im Stapelhaus und im Nippeser Volksgarten. Neben dem Rosenmontagszug, wo die Kapelle stets unmittelbar vor dem Wagen des Prinzen Karneval musizierte, nahm die Kürassierkapelle auch am großen Schützenfest in Neuss teil.

 

 

 

Reinhold Fellenberg, der "Trompeter von Köln".
Reinhold Fellenberg und die Deutzer Kürassier-Kapelle vor dem Musikpavillon im Kölner Zoo.
Die Deutzer Kürassier-Kapelle in ihren charakteristischen weißen Uniformen an der Spitze des Reiterkorps auf dem Neusser Schützenfest, hier beim Überqueren der alten Hessentorbrücke.

 

 

Wie schon sein Vorgänger Gustav Petrowsky, so fand auch Reinhold Fellenberg schnell Zugang zum Kölner Karneval. Bereits 1889 erschien sein erster Karnevalsmarsch mit dem Titel "Je toller, je besser". Ihm folgten jährlich weitere Karnevalsmärsche: Der "Präsident-Prior-Marsch", der "Kölner Seehafen Marsch" oder der "Carnevals-Jubel-Marsch von 1902" aber auch eher volkstümliche Titel, wie z.B. "Doh ha´mer der Rään, Opus 4711" oder der "Carnevalistische Kölner Damen-Marsch". Von Fellenberg stammt der Regimentsmarsch der Blauen Funken, ebenso die ersten Tänze der Ehrengarde. Seine populärste Tat war aber die Vervollständigung des Marsches der Roten Funken mit dem bekannten Trio "Ritsch, ratsch, die Botz kapott!"

Fellenbergs Kompositionen fanden über die Grenzen der Stadt Köln hinaus Beachtung. Sein Galoppmarsch erhielt den Ritterschlag und wurde in die königlich preußische Armeemarschsammlung aufgenommen. In Deutschland mittlerweile in Vergessenheit geraten, wird dieser Marsch bis zum heutigen Tage von der berittenen Kapelle der britischen Leibgarde zuweilen beim Wachwechsel am Buckingham Palace in London gespielt. Weitere bekannte Kompositionen aus Fellenbergs Feder sind sein "Märchenzauber" (1893), "Allerneueste Nachrichten" (1896) und der "Petersberger Zahnradbahn-Marsch" von 1903.

Reinhold Fellenbergs Ruhm schlug sich schließlich in seinem Spitznamen nieder: Sprach man von Fellenberg, so sprach man schlicht vom "Trompeter von Köln". Er selber nahm diesen Spitznamen bereitwillig an und komponierte sich prombt ein gleichnamiges Konzertwerk, selbstverständlich mit einem herrlichen Piston-Solo. Die Kölner Karnevalisten hingegen hatten ihren eigenen Spitznamen für Reinhold Fellenberg. So wird er bei den Roten Funken bis heute unter dem Namen "Pommery" geführt - wohl ein Hinweis auf Fellenbergs bevorzugte Champagnermarke. Passend hierzu komponierte er auch noch einen "Champagner-Tanz".

 

 

 

 

 

Nach einer überaus erfolgreichen 40-jährigen Wirkungszeit schied Reinhold Fellenberg schließlich aus dem aktiven Dienst aus. Sein Abschiedskonzert fand im Stapelhaus statt. Das dreiteilige Konzertprogramm umfasste neben Ouvertüren, Walzern und Liedern auch mehrere vom Meister persönlich vorgetragene Piston-Soli, welche das tausendköpfige Publikum ein ums andere Mal zu Begeisterungsstürmen hinriss. Seinen Ruhestand verlebte Fellenberg in Bad Godesberg, wo er in der Brunnenallee eine Villa bezogen hatte, an deren Front in großen Lettern der Schriftzug "Der Trompeter von Köln" prangte. Am Rosenmontag machte er sich in jedem Jahr auf den Weg zurück nach Köln, wo er vom Balkon des Café Bauer auf der Hohestraße beim Eintreffen des Zuges seine Piston-Soli schmetterte.

 

Ein weiterer preußischer Militärkapellmeister jener Epoche, der seine Spuren im Kölner Karneval hinterlassen hat war Robert Fensch. Er war der Musikmeister des berittenen Trompeterkorps des Bergischen Feldartillerie-Regimentes Nr. 59. Fensch war zunächst Musiker in Reinhold Fellenbergs Kürassierkapelle gewesen und kehrte nach absolviertem Studium in Berlin als Kapellmeister nach Köln zurück. Hier komponierte er zahlreiche Märsche und Lieder für den Karneval, weswegen ihn die Kölner den "reitenden Mozart" nannten.

 

Auch Robert Fensch war kein gebürtiger Kölner, er stammte aus Pommern. So waren es ausgerechnet preußische Kapellmeister, zumeisst auch noch von auswärts, welche die kölnische Blasmusiktradition zum Ende des 19. Jahrhunderts maßgeblich mitgestalteten und ausbauten. Der Boden war bereitet für eine neue Kölner Musikkapelle.

 

 

 

Der "reitende Mozart" Robert Fensch als Kapellmeister der Blauen Funken.
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© Stadtkapelle Köln - Kölner Blasorchester 1893