1899 - 1914

Neue Kölner Kapellen - Fritz Hannemann und Hermann Schmidt

 

Zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden in Köln ergänzend zu den preußischen Militärkapellen die ersten Zivilkapellen gegründet. Diese taten sich besonders zum Karneval hervor. Die Musikvereine "Ossian" und "Arion" waren aus Gesangvereinen hervorgegangen und finden sich seit ca. 1890 regelmäßig in der Aufstellung des Rosenmontagszuges.

Im Jahr 1899 gründete Fritz Hannemann eine Musikkapelle, die als das "Hannemannsche Trompeterkorps" bekannt wurde. Der 1868 geborene Hannemann war von 1886 bis kurz vor der Jahrhundertwende als Kornettist und Violonist im Dienstrang eines Hautboist-Unteroffiziers Musiker in der Kapelle des Fußartillerie-Regiment 7 gewesen, deren Kaserne damals noch am Zugweg in der Kölner Südstadt lag. Nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Militärdienst gründete er seine eigene Musikkapelle.  Noch im selben Jahr konnte Hannemann mit seinen Musikern als Hauskapelle in die Victoria-Säle an der Severinstraße einziehen. Diese waren damals beliebter Schauplatz zahlreicher Karnevalssitzungen und Revue-Veranstaltungen. Dadurch konnte sich die Kapelle schnell einen guten Namen beim Kölner Publikum machen und schnell eine Spitzenplatz unter den Kölner Zivilkapellen einnehmen. Im Rosenmontagszug spielte die Kapelle zunächst für die Karnevalsgesellschaft "Seiner Tollität Reichsflotte".

   

Das Hannemannsche Trompeterkorps als Matrosenkapelle verkleidet im Rosenmontagszug des Jahres 1908.

 

Einige Jahre später, vermutlich 1909, gründete Hermann Schmidt eine weitere Musikkapelle, welche bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges unter dem Namen Rheinische Kaiserjägerkapelle bestand. Hermann Schmidt, geboren 1878 in Stargard in Pommern, war ebenfalls Militärmusiker gewesen. Er hatte beim Musikkorps des Pionierbatallions Nr. 7 an der Boltensternstraße gedient und spielte das Solo-Piston derart virtuos, dass er bereits nach einer relativ kurzen Dienstzeit den Militärdienst quittierte, um sich nun mit einer eigenen Kapelle selbstständig zu machen. 

 

Die Rheinische Kaiserjägerkapelle mit Kapellmeister Hermann Schmidt, 1912.

 

Allerdings standen die Zivilkapellen bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Schatten der in Köln stationierten Militärkapellen der preußischen Armee. Diese waren bei Veranstaltern und Publikum weiterhin stets die erste Wahl und schränkten somit das Wirken und die Entwicklung der zivilen Kapellen stark ein.

Immerhin konnte Fritz Hannemann mit seiner Kapelle einige Achtungserfolge gegen die militärische Konkurrenz erzielen. Im Jahr 1911 wurde Carl Umbreit Präsident der Prinzen-Garde. Er verpflichtete für die Sitzungen des Jahres 1912 die ausgezeichnete und überaus populäre Kapelle der Feldartillerie unter Robert Fensch. Da diese zu Rosenmontag aber bereits bei den Blauen Funken verpflichtet war, gelangte nun das Hannemannsche Trompeterkorps als erste Zivilkapelle auf die prestigereiche Position an der Spitze eines Traditionskorps.

Zwei Jahre später gelang es Hannemann einen Kompositionswettbewerb zu gewinnen. Seine "Hymne auf die Stadt Köln", vorgetragen vom bekannten Kölner Sänger Heinrich Keller, wurde preisgekrönt, was ihm ein für die damalige Zeit stolzes Preisgeld von 1.000 Mark einbrachte.

 

Fritz Hannemann mit seinen Musikern in Uniform der Prinzen-Garde, 1912.

1918 - 1936

Bewegte Zeiten

 

Die wirtschaftliche Lage der Kölner Zivilkapellen änderte sich grundlegend mit der Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg. Das Rheinland wurde entmilitarisiert, alle Militärkapellen der einstigen Kölner Garnison wurden aufgelöst. Nach den Franzosen und Preußen zogen nun die Briten in Köln ein.

Anfang Dezember 1918 hielt die "Brigade of Guards" vom Aachener Weiher aus Einzug nach Köln: Die Coldstream Guards zogen mit ihrer hervorragenden Musikkapelle über die Hohenzollernbrücke, um Quartier in Deutz und in der Kalker Kronprinzen-Kaserne zu beziehen, während die Irish Guards mit ihrer nicht minder guten Kapelle entlang des Hansaring und der Riehler Straße zur Kaserne an der Boltensternstraße marschierten.

Für die kommenden acht Jahre sollte Köln unter britischer Verwaltung stehen. Es galt sogar die britische Uhrzeit. Das Verhältnis zwischen den britischen Besatzern und der Kölner Bevölkerung wird jedoch als entspannt und respektvoll beschrieben. Regelmäßig fanden nun Konzerte der britischen Militärkapellen im Stadt- und Volksgarten statt. Ihnen war jedoch, genau wie einst den französischen Musikkapellen, ein außerdienstliches Auftreten untersagt. So schlug nun endlich die Stunde der Kölner Zivilkapellen. Denn auch nach dem Kriege regte sich nach und nach wieder das traditionelle rheinische Leben mit seinem althergebrachten Brauchtum und seinem gewaltigen Bedarf an guter Blasmusik: im Winter zum Karneval und im Sommer zu den Schützenfesten. Viele der mittlerweile arbeitslosen ehemals preußischen Militärmusiker erinnerten sich an die doch recht beträchtlichen Verdienstmöglichkeiten in der Region rund um Köln und schlossen sich nun den Zivilkapellen an. So entstanden in Köln und Umgebung hervorragende zivile Klangkörper, in der Regel professionell ausgerichtet, welche in der Lage waren, durch ihr ausgezeichnetes Niveau dem hohen Anspruch der Veranstalter und des Publikums gerecht zu werden und so den Wegfall der Militärkapellen zu kompensieren.

Den hiesigen Korps und Musikkapellen blieb ein öffentliches Auftreten "in Uniform" zunächst aber noch untersagt. Ebenso blieb während der britischen Besatzungszeit der Straßenkarneval verboten. Hinter verschlossenen Türen durfte aber wieder gefeiert werden, so dass ab 1922  die ersten karnevalistischen Veranstaltungen durchgeführt werden konnten. Als die Roten Funken 1923 ihr 100-jähriges Jubiläum mit einer Festsitzung feierten, spielte hierzu nun Hermann Schmidt mit seiner Kapelle.

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg brachte zahlreiche Neugründungen von Korpsgesellschaften mit sich: Im Jahr 1922 wurde das Altstädter-Korps formiert, im Jahr 1925 folgte das Reiterkorps "Jan von Werth" und in Lindenthal gründete sich ein Husarenkorps, welches wir heute schlicht als den "Treuen Husaren" kennen. Diese neuen Korps benötigten eine charakteristische Erkennungsmusik und alle Märsche jener Korpsgesellschaften stammen von einem einzigen Komponisten: Heinrich Frantzen. Er gilt neben Willi Ostermann als der wichtigste Kölner Musikschaffende jener Zeit. Seine zahlreichen Karnevals- und Konzertmärsche lassen eindeutig den Einfluss der in Köln präsenten britischen Militärmusik erkennen.

Denn ebenso wie einst die preußischen Kapellen und ihre Kapellmeister, prägten nun die Briten mit ihren ausgezeichneten Orchestern das Kölner Musikleben und hinterließen deutliche Spuren: Als nach dem Abzug der Briten im Januar 1926 die Kölner Karnevals-Korps erstmals wieder auf die Straße zogen, marschierten ihre Musikkapellen nun in britischer Marschaufstellung und behielten diese selbst noch in der Nazi-Zeit bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bei. Im Notenarchiv der Stadtkapelle Köln finden sich zahlreiche britische Militärmärsche aus jener Zeit, welche bis heute mit großer Freude von uns gespielt werden. Darüber hinaus pflegt die Stadtkapelle Köln bis heute enge Kontakte zur britischen Militärmusik.

Nach dem Abzug der Briten setzte eine wahre Blüte der Zivilkapellen ein. Die bekannteste Kölner Musikkapelle der 1920er Jahre war das Hannemannsche Blasorchester unter der Leitung von Fritz Hannemann. Seit Kriegsende trat die Kapelle sinfonisch komplett besetzt, also auch mit Holzbläsern, ja zuweilen sogar mit Streichern auf. Fritz Hannemann galt in den 1920er Jahren als produktivster Kapellmeister des Kölner Karnevals. Unzählige bis heute populäre Karnevals-Schlager wie etwa "Kölsche Mädcher, kölsche Junge, sin dem Herrgott jot jelunge" entstammen seiner Feder. Darüber hinaus arrangierte er hervorragende Konzertwerke für Blasorchester und schrieb die Musik zu den legendären Grete-Fluss-Revuen. Er gilt zudem als Erfinder der modernen, schlagfertigen Sitzungskapelle im Karneval. Bereits in den 1920er produzierte Hannemann erste Schallplatten-Aufnahmen, so dass die Kapelle auch über das neue Medium des Radios überregional bekannt wurde. Am Rosenmontag hatte Hannemann seinen Stammplatz an der Spitze der Prinzen-Garde.

 

Fritz Hannemann

 

Rosenmontag 1928: Die Kapelle Fritz Hannemann als Regimentskapelle der Prinzen-Garde.

 

 

 

Auch die Kapelle von Hermann Schmidt erfreute sich nach dem Ersten Weltkrieg größter Beliebtheit. Die Kapelle übernahm viele Traditionen der ehemaligen Deutzer Kürassierkapelle. Aber auch Schmidt vervollständigte nun die Besetzung seines Orchesters durch ein großes Holzbläser-Register. In Anlehnung an Reinhold Fellenbergs Ehrentitel nannte man ihn vielerorts schlicht den "Trompeter vom Rhein".

Hermann Schmidt bekleidete seit 1922 die angesehene Position des Kapellmeisters der Roten Funken. Darüber hinaus spielte er mit seiner Kapelle für zahlreiche weitere Karnevalsgesellschaften. Im Sommer erfreute das Orchester als Bundeskapelle des Deutschen Radfahrerbundes die Besucher der alten Riehler Radrennbahn. Zum Neusser Schützenfest hatte die Kapelle einen Stammplatz an der Spitze des traditionsreichen Neusser Reitercorps. Auch schöpferisch war Hermann Schmidt tätig: Er komponierte u.a. die Präsentiermärsche der Roten Funken und der Ehrengarde sowie weitere Fest- und Büttenmärsche.

 

Hermann Schmidt in voller Pracht als Kapellmeister der Roten Funken auf dem Neumarkt, Rosenmontag 1933.

 

Hermann Schmidt mit seinen Musikern als Kapelle der Roten Funken, Rosenmontag 1928

 

 

Eine Neuheit war das Musikkorps des Kölner Garde-Vereins unter der Leitung von Friedrich Wilhelm Klein. Es hatte seinen ersten öffentlichen Auftritt am 22. März 1926 auf dem Rathausplatz als Teil der Ehrenformation der Kölner Vereine und Innungen zum Empfang des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg durch den Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer. Markenzeichen der Kapelle waren vier Fanfarenbläser und ein Kesselpauker zu Pferd in den Uniformen der ehemaligen Garde-Kavallerie-Regimenter. Zum Karneval spielte die Kapelle stets an der Spitze der Blauen Funken.

Der Kesselpauker des Musikkorps war eine lokale Berühmtheit in Köln: Elo Wilhelm Sambo, geboren in der einstigen deutschen Kolonie Kamerun und vor dem Kriege Pauker bei den Potsdamer Leibgarde-Husaren. Nach dem Krieg holten ihn alte Kameraden nach Köln, wo er bis zu seinem Tode hoch zu Ross mit der Kapelle des Garde-Vereins alljährlich den Rosenmontagszug eröffnete. Im Gegensatz zu den anderen beiden Kapellen war das Musikkorps des Garde-Vereins in der Tradition der Kavalleriemusik besetzt, also ausschließlich mit Blechbläsern.

 

Das Musikkorps des Kölner Garde-Vereins im Jahr 1928.
Die Fanfarenbläser des Musikkorps des Kölner Garde-Vereins in den Uniformen der ehemaligen Garde-Kavallerie Regimenter der Alten Armee. An den Kesselpauken Elo Sambo, oben rechts Musikmeister Friedrich Wilhelm Klein.
Das Musikkorps des Garde-Vereins in Uniform der Blauen Funken, Rosenmontag 1927.
F. W. Klein als Kapellmeister der Blauen Funken.

 

Eine Reihe von Großereignissen sorgte in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre dafür, dass die Kölner Zivilkapellen zum nahezu allgegenwärtigen Teil des städtischen Gesellschaftslebens wurden. Im Jahr 1928 fand auf dem eigens neuerbauten Messegelände in Deutz die Internationale Presseausstellung statt. Die Ausstellung hatte von Mai bis Oktober geöffnet und die Kölner Musikkapellen gastierten dort mit mehreren Platzkonzerten.

Am 1. Juli 1928 wurde in der großen Messehalle am Tanzbrunnen der Bund der historischen deutschen Schützenbruderschaften proklamiert. Im Anschluss zogen 15.000 Schützen aus dem gesamten Rheinland und aus Westfalen im Festzug über die Hohenzollernbrücke und die Ringstraße.

Nur drei Wochen später fand in Köln das 14. Deutsche Turnfest statt. Zum Abschluss zog abermals ein großer Festzug über die Ringe und Aachener Straße zum Stadion in Müngersdorf. Gegenüber der Ehrentribüne am Rudolfplatz spielte die Kapelle von Hermann Schmidt über 4 Stunden lang zum Vorbeimarsch von über 300.000 Turnern aus ganz Deutschland.

Am 13. Oktober 1929 wurde schließlich die neuerbaute Mülheimer Brücke eingeweiht. Nach dem Festakt auf der Brücke marschierten die Fahnenabordnungen der Kölner Vereine und Innungen mit Musikbegleitung zurück nach Köln, wo sie im Gürzenich mit einem Festessen empfangen wurden.

 

Deutsches Turnfest 1928 - Vorbeimarsch der Turner aus ganz Deutschland an der Ehrentribüne am Rudolfplatz.

Das Musikkorps des Kölner Garde-Vereins auf dem Neusser Schützenfest, 1929

Eröffnung der Mülheimer Brücke am 13. Oktober 1929

 

 

 

Zum Ende des Jahres 1929 wurde Deutschland von der Weltwirtschaftskrise erfasst. Es war die schwerste wirtschaftliche Krise der Neuzeit, Millionen wurden arbeitslos. Bereits zum Rosenmontagszug 1930 waren die Musikkapellen deutlich in Größe und Umfang reduziert worden. In den Jahren 1931 und 1932 wurde der Zug dann aufgrund der allgemeinen wirtschaftlichen Schwierigkeiten sogar komplett abgesagt. Die Stadtverwaltung organisierte die "Kölner Nothilfe", die Spenden sammelte um das wachsende Heer an Arbeitslosen und deren Familien mit Essen und dem Allernötigsten zu versorgen. Oberbürgermeister Konrad Adenauer bat hierzu Kapellmeister Fritz Hannemann um Mithilfe. Seine Kapelle spielte in den folgenden Monaten mehrfach im Rahmen der Nothilfe zu Platzkonzerten in der Kölner Innenstadt auf.

In den frühen 1930er Jahren machte ein junger Trompeter zunehmend von sich reden: Christian Reuter. Geboren 1899 als Sohn eines Klavierbauers aus der Sternengasse, hatte er vor und nach dem Ersten Weltkrieg am alten Kölner Konservatorium in der Wolfsstraße studiert. Er galt als ausgezeichneter Trompeter und Pianist. Bereits als 15-jährigen hatte Fritz Hannemann ihn in seine Kapelle aufgenommen, wo er es bis zum ersten Trompeter gebracht hatte. Im Jahr 1929 komponierte er einen neuen Regimentsmarsch für die Ehrengarde der Stadt Köln, welcher bis zum heutigen Tage gespielt wird. Ab 1933 spielte Christian Reuter dann ebenfalls in der Kapelle von Hermann Schmidt. Seine Kapelle galt in den 1930er Jahren mittlerweile als beste Kölner Musikkapelle. Christian Reuter avancierte dort schnell zu Schmidts Stellvertreter.

Fritz Hannemann feierte 1936 sein 50-jähriges Jubiläum als Musiker im Kölner Karneval. Ihm zu Ehren richteten die Kölner Karnevalsiten am 12. Februar eigens eine Jubelsitzung aus. Der Jubilar selber konnte an diesem Abend auf einem Ehrenstuhl im Elferrat Platz nehmen. Der bekannte Karnevalspräsident Carl Umbreit würdigte ihn mit den Worten: "Was wäre der Kölsche Fasteleer ohne seine Lieder, und was wären seine Lieder ohne ihre Melodien? Wir Kölner lieben nun einmal volkstümliche Melodien, und es ist gar nicht so einfach, die richtigen zu finden." Präsident Thomas Liessem hielt ebenfalls eine Laudatio und ernannte Hannemann zum Ehrenmitglied des Festausschusses (heute Festkomitee) des Kölner Karnevals.

Nur wenige Wochen später zogen dunkle Wolken über dem Rhein auf. Am 7. März 1936 besetzte die deutsche Wehrmacht entgegen den Bestimmungen des Versailler Vertrages das Rheinland und beendete damit die fast 20-jährige Phase der Entmilitarisierung. Das Nazi-Regime bediente sich der jahrhundertealten deutschen Militärmusiktradition, um diese nun in den Dienst ihrer Propaganda zu stellen. So mancher Blasmusiker fand sich mittlerweile in der Uniform einer der zahlreichen Parteigliederungen wieder. Ob dies nun aus innerer politischer Überzeugung oder eher aus persönlichen wirtschaftlichen Interessen geschah, lässt sich im Nachhinein kaum noch bestimmen. Fritz Hannemann gelang es, mit seiner Kapelle stets eine klare Distanz zum Nazi-Regime zu halten. Hermann Schmidt hingegen übernahm auch die Funktion des Kapellmeisters einer Parteiorganisation. Allerdings gab es bei ihm eine klare Trennung der Aufgabenbereiche: So spielte seine Kapelle beim Neusser Schützenfest oder auch bei Einsätzen im Rahmen der Kölner Tourismus-Werbung niemals in Parteiuniform, sondern behielt ihre alte Traditionsuniform. Und auch musikalisch erlaubte er sich so manche Freiheit, welche nicht ganz im Sinne des Regimes gewesen sein dürfte: So begrüßte er einmal, als seine Kapelle eine Ehrenformation stellen musste, einen ranghohen Parteiführer aus Berlin mit dem Karnevalsschlager "Jung dat häste joot jemaht!". Das schaulustige Publikum auf der Straße begann sogleich, sehr zum Verdruss des Parteioberen, mitzusingen und sogar zu schunkeln. Und während des Rosenmontagszuges erklang von Schmidts Musikern am Dom stets ein mächtiges "Tochter Zion".   

Anfang August 1936 verstarb der große Kölner Sänger Willi Ostermann. Zu seiner Beerdigung zog ein unüberschaubarer Trauerzug vom Neumarkt über die Mittel- und Aachener Straße nach Melaten. Der Musikverein "Ossian" und die Kapelle Fritz Hannemann begleiteten den populären Dichterkomponisten auf seinem letzten Weg. An seinem Grab erklang erstmals sein "Heimweh nach Köln", dessen Text er noch auf dem Sterbebett vollendet hatte.

 

1937 - 1970

Die Ära Christian Reuter

 

Im Jahr 1937 fand in Paris die Weltausstellung statt. Die Stadt Köln konnte sich dort, als einzige Stadt, mit einem eigenen Pavillon präsentieren. Der Kölner Pavillon war als eine Art Hausboot auf der Seine angelegt und drohte beinahe neben Albert Speers vor Größenwahn strotzenden Deutschen Pavillon zu verschwinden. Im Pavillon selbst gab es neben den eigentlichen Ausstellungsräumen zur Kölner Stadtentwicklung auch ein großes Restaurant. Im Herbst 1937 reiste die Kapelle Hermann Schmidt nach Paris um auf der Weltausstellung ein vielbeachtetes Konzert zu geben. Darüber hinaus präsentierte man den Parisern und ihren internationalen Gästen einen typisch rheinischen Abend, zu dem die Kapelle ebenfalls aufspielte.

Allerdings war Hermann Schmidt zu diesem Zeitpunkt bereits sehr stark erkrankt, so dass er diesen unbestrittenen Höhepunkt in der Geschichte seines Orchesters nicht mehr selber leiten konnte. Daher übernahm sein Stellvertreter Christian Reuter das Dirigat bei allen Auftritten in Paris. Ein halbes Jahr später, im Januar 1938, verstarb Hermann Schmidt schließlich.

Kurze Zeit später, im Sommer 1938, verstarb auch Fritz Hannemann. Christian Reuter nutzte die Gelegenheit und vereinte beide Musikkapellen unter seiner Leitung zur nun führenden Kölner Musikkapelle. Als am 16. Februar 1939 im Herzen der Altstadt das neuerrichtete Denkmal für Willi Ostermann feierlich eingeweiht wurde, dirigierte Christian Reuter erstmals in der Uniform des Korpskapellmeisters der Prinzen-Garde seine Kapelle. Das Amt des stellvertretenden Kapellmeisters übernahm Hermann Schmidts Sohn Kurt, der auch jenen Teil der Kapelle leitete, der weiterhin für die Roten Funken spielte. 
 

 

Weiberfastnacht 1939: Die Kapelle der Prinzen-Garde spielt unter der Leitung von Christian Reuter zur Enthüllung des Ostermann-Denkmals.

 

 

Wie schon Fritz Hannemann nutzte nun auch Reuter die Möglichkeit, den Bekanntheitsgrad seiner Kapelle durch Schallplatten-Produktionen zu steigern und dadurch auch im Rundfunk präsent zu sein. Doch noch im selben Jahr verhinderte der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges jede weitere Entwicklung. Während des Krieges wurde die Kapelle Christian Reuter bei musikalischen Werkspausen in großen Betrieben und an diversen Frontbühnen eingesetzt.

Am Ende des vom Nazi-Regime entfesselten entsetzlichen Krieges existierte das alte Köln nicht mehr. Von der einst vielfach besungenen schönen Stadt am Rhein waren nur Trümmer übrig geblieben, aus denen trotzig die Türme des unzerstörten Domes herausragten. Viele Musiker, darunter auch Reuters Stellvertreter Kurt Schmidt, waren im Krieg ums Leben gekommen. Dennoch gelang es Christian Reuter, nach dem Krieg seine Kapelle zu reorganisieren. Als sich ab 1948 der Karneval wieder zaghaft regte, stellte Reuter erneut die Kapelle der Prinzen-Garde und auch jene der Ehrengarde. Nur an Rosenmontag spielte dort künftig das berittene Trompeterkorps des Husaren-Regiment 8 aus Paderborn unter dem dort bis heute unvergessenen Kapellmeister Hugo Gerlach.

Wie schwer der Wiederanfang nach dem Krieg war, zeigt eindrucksvoll das folgende Bild vom Rosenmontag 1949. Der eigentlich freudestiftende Zug bewegt sich durch eine triste Trümmerlandschaft. Im Hintergrund erkennt man die schwer beschädigte Basilika St. Gereon. Der Bombenkrieg hatte auch die Uniformkammer der Prinzen-Garde mitsamt dem schönen alten Schellenbaum vernichtet. Das Poller Schützentambourkorps vor der Musikkapelle ist nur äußerst notdürftig mit Uniformen ausgestattet. Der mitgeführte Schellenbaum ist jener der Kapelle Hermann Schmidt. Dieser hatte den Krieg unbeschadet überstanden und befindet sich noch heute im Besitz der Prinzen-Garde.

 

Rosenmontag 1949: Die Kapelle Christian Reuter an der Spitze der Prinzen-Garde.

 

Trotz aller Zerstörung musste und sollte es nach dem Krieg weitergehen. Am 8. Mai 1949 trafen sich die Mitglieder der Künstlervereinigung Muuzemändelcher zur Entschuttung des zerstörten Gürzenichs. Christian Reuter trommelte seine Musiker zusammen und spielte auf dem Platz vor dem Gürzenich zu einem spontanen Standkonzert auf. Sofort versammelte sich viel schaulustiges Volk. Die Muuzemändelcher nutzten die Gelegenheit um Geld für den guten Zweck zu sammeln und zogen im Anschluss mit der Kapelle Christian Reuter vom Gürzenich zum Ostermannbrunnen, um dort gemeinsam des verstorbenen Dichterkomponisten zu gedenken.

Da Christian Reuter mit seiner Kapelle weiterhin für die Prinzen-Garde spielte, wurde für die Roten Funken nach dem Krieg eine neue Kapelle aufgestellt. Diese stand ab 1949 unter der Leitung von Albert Bötel. Er war von 1914 bis 1919 der letzte Kapellmeister beim Musikkorps der 59er Feldartillerie gewesen. Zwischen den beiden Weltkriegen arbeitete er dann, ganz unmusikalisch, als Steuerinspektor in Köln. Trotz aller Widrigkeiten der Nachkriegszeit schaffte er es, für den ersten Rosenmontagszug eine komplett besetzte Kapelle aus  28  uniformierten Musikern zuzüglich Tambourzug und Schellenbaum auf die Straße zu bringen.

 

 

 

Albert Bötel als Kapellmeister der Roten Funken.

 

Im selben Jahr formierte Max Bause die ehemalige Kapelle des Kölner Garde-Vereins in traditioneller Schützentracht neu. Die Kapelle spielte auf zahlreichen Schützenfesten in Köln und im Umland. Als der Zentralverband der Schützen im Jahr 1952 ein großes Wertungsspiel in Bürrig veranstaltete, dem sich alle nennenswerten rheinischen Musikkapellen und Tambourkorps stellten, errang die Kapelle Max Bause dort einen der begehrten Titel und dürfte sich künftig "Bundesschützenkapelle Köln" nennen. Zum ersten Bundesfest, welches 1953 in Köln stattfand, oblag der Kapelle ein Großteil der musikalischen Gestaltung. So marschierte Max Bause mit seinen Musikern an der Spitze des großen Festzuges durch die Kölner Innenstadt und eröffnete die abschließende Parade auf der Zeughausstraße. Im Karneval übernahm Max Bause mit seinen Musikern  die traditionelle Stelle an der Spitze der Blauen Funken. Was die Besetzung anging, so pflegte er das Prinzip der reinen Kavalleriebesetzung ohne Holzbläser.

 

Die Bundesschützenkapelle Köln unter Kapellmeister Max Bause während der Parade auf der Zeughausstraße aus Anlass des ersten Bundesfestes der historischen Deutschen Schützenbruderschaften in Köln am 5. Juli 1953.
Max Bause als alter Kavalleriemusiker persönlich an den Kesselpauken.
Die Bundesschützenkapelle als Musikkorps der Blauen Funken an Rosenmontag 1954. Die berittenen Musikkorps gab es bei allen Reiter-Korps des Kölner Karnevals noch bis Ende der 1960er Jahre.

 

Die führende Rolle unter den Kölner Musikkapellen spielte aber weiterhin die Kapelle Christian Reuter. Der Chronist Wolfgang Oelsner fasste es folgendermaßen zusammen: "In seinem Zenit wirkte Reuter um die Jahrhundertmitte als Musikerpersönlichkeit, die eine Brücke zwischen alter und neuer Zeit schlug. Als Nachfolger Hannemanns und Schmidts waren ihm sowohl die großen Blasmusikbesetzungen der Militärkapellen vertraut, ebenso die damals beliebten Salon-Orchester in den großen Café-Häusern. Im Blick nach vorn darf in Reuter einer der ersten großen Musikunternehmer gesehen werden. Das heisst, an einem Abend laufen in Kölner Sälen mehrere Besetzungen unter dem prominenten Namen. Der Chef zieht die Runde und schaut eine Halbzeit mal da, eine andere mal dort vorbei. Viele große Gesellschaften hatten in den ersten Nachkriegsjahren Reuter unter Vertrag, u.a. die Ehrengarde, die Prinzen-Garde, Große Kölner. Das Festkomitee engangierte ihn für die Prinzenproklamation im Williams-Bau und im Gürzenich und ehrte ihn als Hofkapellmeister Sr. Tollität. Als Kapellmeister verkörperte Reuter noch den alten Stil. Er stand seinen Musikern als Autorität mit dem Taktstock vor. Später, so erinnert sein langjähriger erster Trompeter Theo Zilleken, blies er auf dem Kornett Liedfragmente an, die blitzschnell einen Witz kommentierten. Eben jene kölsch-musikalische Spezialität, die heute allerorten kopiert wird. Trotz solcher Clous verstand sich Reuter weniger als Mann der Show denn als Musiker. Brillant war er als Begleiter am Piano. Sänger waren bei ihm stets gut aufgehoben. Es war die Zeit, wo noch nicht vom ersten Takt an mitgeklatscht werden musste."

 

Christian Reuter
An Rosenmontag hatte Christian Reuter, wie schon zuvor Fritz Hannemann, seinen Stammplatz an der Spitze der Prinzen-Garde.
"... als Kapellmeister verkörperte Reuter noch den alten Stil. Er stand seinen Musikern als Autorität mit dem Taktstock vor..."

 

Im Herbst 1954 übernahm Hardy von den Driesch die Leitung der Bundesschützenkapelle Köln, da Max Bause schwer erkrankt war. Von den Driesch war unmittelbar nach dem Krieg in Bauses Kapelle eingetreten und dort als erster Trompeter tätig gewesen. Zeit seines Lebens lehnte er die Bezeichnung "Kapellmeister" ab und bevorzugte vielmehr den Titel "Stabstrompeter". 

Zur gleichen Zeit gab Albert Bötel altersbedingt die Leitung seiner Kapelle auf und bot seine Geschäfte Hardy von den Driesch an.  Somit fungierte die Bundesschützenkapelle ab dem Karneval 1955 als Kapelle der Roten und der Blauen Funken. Bisher war die Kapelle der Roten Funken immer in klassischer Infantriebesetzung, also mit einem großen Klarinettenregister besetzt gewesen. Von den Driesch änderte dies nun und hielt an dem von Max Bause übernommenen Prinzip der reinen Blechbläserbesetzung fest. Nur bei der Tanz- und Saalkapellenformation wurde ein Saxophonregister hinzugefügt.

Im folgenden Jahr spielte die Bundesschützenkapelle Köln dann auch wieder zum großen Schützenfest in Neuss. Dort bildete die Kapelle über mehrere Jahre hinweg die musikalische Spitze des Korps der Neusser Schützenlust.

 

Seit Herbst 1954 bekleidete Hardy von den Driesch auch die Position des Kapellmeisters (seit ihm des "Stabstrompeters") der Roten Funken.
Die Bundesschützenkapelle Köln unter der Leitung von Kapellmeister (Stabstrompeter) Hardy von den Driesch während der Königsparade des Neusser Schützenfestes 1956.

 

 

Zum Ende der 1950er Jahre standen die Kölner Musikkapellen erneut im Zenit ihres Wirkens. Sie waren wieder ein nahezu allgegenwärtiger Bestandteil des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens der Stadt. Der Kölner Historiker und Chronist Hans Schmitt-Rost brachte es auf den Punkt:

"Eine Trööt ist in Köln jede Art von blechernem Musikinstrument. In dieser Stadt herrscht ein großer Bedarf an Trööten: bei den Karnevalssitzungen und im Rosenmontagszug, wenn ein besserer Mann begraben wird, bei Betriebsausflügen mit dem Rheindampfer, am 1. Mai, am Heiligen Abend, zu Schützenfesten und bei den Pfarrprozessionen. Immer muß geblasen werden. Die Trööt ist der Clou der Veranstaltung. Sie gibt Feuer und Kraft, teils feierlich, teils heroisch, teils sentimental. Geschmetterte Töne haben Glanz und Prunk, und nichts hört der Kölner lieber." 

 

 

 

Die 1960er Jahre waren gekennzeichnet von der zunehmenden Konkurrenz zwischen den beiden großen Kölner Musikkapellen von Christian Reuter und Hardy von den Driesch. Während Reuter weiterhin den alten Stil einer sinfonisch komplett besetzten Kapelle mit hohem musikalischen Anspruch pflegte, agierte von den Driesch oft pragmatischer was die Zusammenstellung seiner Besetzung anging. So wich er auch bei großen Besetzungen nicht vom Prinzip der Kavalleriebesetzung (also nur Blechbläser und Schlagzeuger) ab. Dies traf aber nicht immer den Geschmack seiner Auftraggeber. So beendete der Neusser Bürger-Schützen-Verein im Jahr 1968 vorerst seine Zusammenarbeit mit der Bundesschützenkapelle.

Legendär waren hingegen die großen Karnevalsbälle jener Zeit im Gürzenich, wenn beide Kapellen gleichzeitig auf der Bühne saßen und im direkten Vergleich miteinander konkurrierten und das Publikum begeisterten. Ein Prinzip, welches das Festkomitee ab Mitte der 1960er Jahre auch für die Prinzenproklamation zu nutzen wusste. Damals noch eine Selbstverständlichkeit waren zudem die Platzkonzerte der Regimentskapellen der Traditionskorps an den Sonntagen der Karnevalssession auf dem Neumarkt.  

Eine besondere Anekdote ereignete sich am Rosenmontag des Jahres 1968: Gleich hinter der großen Ehrentribüne am Rathaus blieb der Festwagen von Bauer und Jungfrau mit einem Achsbruch liegen. Den beiden blieb nichts anderes übrig, als den Rosenmontagszug zu Fuß zu Ende zu bringen. Da unmittelbar hinter dem Festwagen Christian Reuter mit seiner Kapelle an der Spitze der Prinzen-Garde marschierte, übernahm die damalige Jungfrau Hans Becker kurzerhand das Dirigat über die Kapelle und zog gemeinsam mit Christian Reuter bis zum Ende des Rosenmontagszuges.

Am 8. November 1969 feierte Christian Reuter seinen 70. Geburtstag. Halb Köln machte sich an diesem Tag auf nach Klettenberg, um dem beliebten Kapellmeister persönlich zu gratulieren. Die Rheinmelodiker brachten dem Jubilar vor seinem Wohnhaus ein Ständchen dar und Kölns Oberbürgermeister Theo Burauen zählte zu den ersten Gratulanten.

 

Prinzenproklamation 1965 im Gürzenich: Rechts die Kapelle Reuter in Prinzen-Garde Uniform, links die Kapelle von den Driesch in Uniform der Blauen Funken.
Rosenmontag 1968, Christian Reuter führt gemeinsam mit Hans Becker seine Kapelle an.
November 1969: Oberbürgermeister Theo Burauen und führende Kölner Karnevalisten gratulieren Christian Reuter zu seinem 70. Geburtstag.

1970 - 2006

Vorzeichenwechsel

 

Im Oktober 1970 verstarb Christian Reuter nach einem erfüllten Musikerleben, allerdings ohne einen geeigneten Nachfolger für die Übernahme seiner Kapelle gefunden zu haben. Sein erster Trompeter Hans Bally hatte eine Übernahme aufgrund seiner beruflichen Verpflichtung als Musiker beim Kölner Polizeimusikkorps abgelehnt. So übernahm zunächst Reuters Schwiegersohn Bert Heus, selbst bereits fast 60-jährig, die Leitung der Kapelle. Dadurch gelang es Reuters Konkurrenten Hardy von den Driesch mit seiner Kapelle einen Großteil der Verpflichtungen der Kapelle Reuter zu übernehmen. 

Daraus ergab sich die kuriose Situation, dass sich nun alle Traditionskorps ein und die selbe Kapelle teilten. Darüber hinaus spielte von den Driesch auch noch für das Festkomitee und zahllose weitere Karnevalsgesellschaften. Ein alter Musiker berichtete, dass die Kapelle an den Wochenenden der Karnevals-Session mit bis zu 15 Besetzungen unterwegs war.  Zudem blieb die Kapelle im Sommer zunächst auch noch als Bundesschützenkapelle aktiv.

 

Nach dem Tod von Christian Reuter übernahm Hardy von den Driesch auch die Position des Kapellmeisters der Prinzen-Garde.
An Rosenmontag spielte die Kapelle stets an der Spitze des ältesten Kölner Korps, den Roten Funken, wie hier im Jahr 1972.
Im Sommer war die Kapelle weiterhin als Bundesschützenkapelle aktiv.

 

Doch schon wenige Jahre später, im Herbst 1979, verstarb auch Hardy von den Driesch nach einer schweren Erkrankung. Mit ihm endete die Ära der großen professionellen Zivilkapellen in Köln. Die Nachfolger hielten nicht länger an den traditionellen Besetzungsformen fest. Die Kapellen wandelten sich auf dem Höhepunkt der sogenannten "Happy-Sound-Welle" nach und nach zu reinen Big Bands und konzentrierten sich fast ausschließlich auf das Karnevalsgeschäft. Die bisherige Vielfalt in Repertoire und Auftreten ging dadurch größtenteils verloren. Daher formierte Hans Bally mit einigen ehemaligen Musikern der Kapelle Reuter schließlich doch noch ein eigenes Orchester.

Hans Bally, geboren 1921 in Köln-Mülheim, hatte im Alter von 8 Jahren von seinem Vater, welcher ein bekanntes Mülheimer Werksorchester leitete, seinen ersten Unterricht im Fach Trompete erhalten. Vier Jahre später spielte er bereits in verschiedenen Orchestern. Mit 16 Jahren hatte er seinen ersten großen Auftritt als Solist im Gürzenich. Ab 1940 war er als erster Trompeter im Musikkorps der Kölner Polizei angestellt und im gleichen Orchester ab 1950 als erster Flügelhornist und Solo-Trompeter tätig. Zudem war er, wie schon erwähnt, viele Jahre erster Trompeter in der Kapelle von Christian Reuter gewesen. Unvergessen sind seine Soli in den Bravourstücken "Die Post im Walde" und "Die Teufelszunge".

Mit seiner Kapelle spielte er in den 1980er und 1990er Jahren bei zahlreichen namhaften Karnevalsgesellschaften. Im Sommer war seine Kapelle gern gesehener Gast auf verschiedenen rheinischen Schützenfesten und auch die Pflege der traditionellen Kirchenmusik kam unter seiner Führung nie zu kurz. Ihm verdanken wir das wertvolle Notenarchiv unserer Kapelle, das er in mühevoller Arbeit restauriert und fortgeführt hat.

 

Hans Bally
Hans Bally mit seinen Musikern beim Schützenfest in Bonn-Oberkassel in den 1970er Jahren ...
... und im Karneval des Jahres 1985.

 

 

In den 1980er Jahren widersetzte sich ein weiterer Orchesterleiter dem allgemeinen Happysound- und Big-Band-Trend: Werner Brock. Er war studierter Schlagzeuger und Cellist, hatte unmittelbar nach dem Krieg im Orchester von Fritz Weber (in Köln bekannt als der singende Geiger) angefangen und wechselte später als Schlagzeuger ins WDR-Unterhaltungsorchester. Bereits 1967 hatte er mit den Kölner Musikanten eine eigene Kapelle gegründet. Hierbei handelte es sich zunächst um eine kleine, eher volkstümlich orientierte Blaskapelle für die Brock mehrere Volksmusik-Suiten über verschiedene rheinische und westfälische Landschaften komponiert hatte.

Die Kölner Musikanten waren keine dauerhafte Einrichtung, es handelte sich vielmehr um ein Projektorchester, welches Werner Brock je nach Anlass aus professionellen Musikern zusammenstellte. Im Jahr 1981 spielte er die von ihm komponierte "Kölsche Mess für Urjel, Trööt un Trumm", welche zuvor während eines Pontifikalamtes zum 100-jährigen Jubiläum der Großen Kölner KG in der Basilika St. Aposteln aufgeführt worden war, auf Schallplatte ein.

 

Werner Brock

 

 

In der Folgezeit erweiterte Werner Brock die Kölner Musikanten zu einem 25-köpfigen, komplett besetzten sinfonischen Blasorchester. Aufgrund der professionellen Struktur seiner Kapelle gelang es ihm, einen Klangkörper von höchster musikalischer Qualität zu schaffen. In den folgenden Jahren wandte Brock sich auch immer mehr der Musik des Kölner Karnevals zu. Die Kölner Musikanten spielten die Klassiker von Willi Ostermann ebenso wie die Märsche der Kölner Traditionskorps.

Im Jahr 1985 folgte im Auftrag der Großen Kölner KG und des WDR eine Doppel-LP mit historischen Karnevalsmärschen und Liedern von Fritz Hannemann und Heinrich Frantzen. Insgesamt komponierte und arrangierte Werner Brock über 300 Werke für Blasorchester. In den 1990er Jahren avancierte er mit seinen Musikern schließlich zum inoffiziellen Blasorchester des Westdeutschen Rundfunks. Bis 1999 konnte man die Kölner Musikanten jedes Jahr zur Sessionseröffnung am 11.11. im Funkhaus am Wallrafplatz mit hervorragender Blasmusik erleben, welche im Rundfunk und Fernsehen live übertragen wurde.  Die Musik und die Struktur dieses Orchesters inspirierte eine Hand voll junger Musiker, welche Mitte der 1990er Jahre ihre ersten Schritte im Kölner Karneval unternahmen.

 

 

 

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